ORFEO International – Neuheiten

Wichtige Neuerscheinungen kurz vorgestellt

Veröffentlichungszeitraum Juli 2014 – Januar 2015

Januar 2015

ORFEO 3 CD C 846 153 D

Mozart: Don Giovanni - Wolfgang Sawallisch

Selbst an großen Opernhäusern ist es ein besonderer Glücksfall, wenn nicht nur ein charismatischer Don Giovanni, sondern mit ihm in Mozarts gleichnamiger Oper das ganze Ensemble eine geradezu magnetische Wirkung auf das versammelte Publikum ausübt (und nicht wie im Verlauf der Handlung alle neuen Eroberungen des Verführers fehl schlagen und nur die Erinnerung an frühere Erfolge bleibt). C 846 153 D
C 846 153 D
Diese seltene Konstellation eines ungebrochen faszinierenden Titelhelden und ebenbürtiger „Objekte“ seiner Begierden ist 1973 bei den Münchner Opernfestspielen eingetreten: Der gerade Anfang dreißigjährige Ruggero Raimondi eroberte die Bühne der Bayerischen Staatsoper im Sturm und etablierte sich damit zugleich in seiner Generation als der Don Giovanni schlechthin. Aber mit seinem unverwechselbaren, beweglichen und unwiderstehlichen Bassbariton blieb er, obschon er im Zentrum der Aufführung stand, keineswegs die einzige Sensation. Mit Margaret Price als Donna Anna, Julia Varady als Donna Elvira und Lucia Popp als Zerlina sah er sich einem Sopranistinnen-Trio gegenüber, durch das nicht nur die jeweiligen Arien, sondern die zahlreichen und häufig so heiklen Ensemble-Nummern in Don Giovanni zu einem musikalischen Hochgenuss wurden (und im Live-Mitschnitt des Premierenabends nun nachzuhören sind). Inmitten dieser tragkräftigen und hoch individuellen Stimmen des Protagonisten und der Partnerinnen behauptete sich Hermann Winkler als Don Ottavio mit jugendlichem Heldentenor ebenso wie der überaus wendige Spielbass von Stafford Dean in der Dienerrolle des Leporello. Einen markigen Masetto gab Enrico Fissore, und für eine finale Höllenfahrt Don Giovannis, die dem Zuhörer so manchen Schauer über den Rücken jagen kann, garantierte neben Kurt Molls finsterem Bass für den Komtur nicht zuletzt Wolfgang Sawallisch am Pult des Bayerischen Staatsorchesters: ein Don Giovanni der rasanten Tempi, der brillant auf das dramatische Geschehen abgestimmten Impulse und, dank der lyrischen Qualitäten der Sängerinnen und Sänger, der immer wieder punktgenau gesetzten Momente der Ruhe und des beglückenden Innehaltens.



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November 2014

ORFEO 1 CD C 887 141 B

Ferruccio Furlanetto

In der Welt der Oper gibt es für jeden Stimmtyp Rollen, die eine Bühnenkarriere im jeweiligen Fach regelrecht krönen. Für einen Bass im ernsten Genre sind solche Rollen zweifellos und passenderweise die Herrscherfiguren König Philipp II. in Verdis Don Carlo und der Zar Boris Godunow in Mussorgskis gleichnamiger Oper. Sänger, die beide Partien auf den großen Bühnen in ihr Repertoire nehmen, sind handverlesen und der italienische Bass Ferruccio Furlanetto (der darüber hinaus im komischen Repertoire reüssiert) ist einer von ihnen. C 887 141 B
C 887 141 B
Seit fast 30 Jahren gastiert er regelmäßig an der Wiener Staatsoper – so auch in dieser Spielzeit in einer Premiere von Mussorgskis Chowanschtschina und als Fiesco in Verdis Simon Boccanegra, einer weiteren Paradepartie von ihm. Die zwei zuvor erwähnten Herrscherfiguren derselben Komponisten, Boris Godunow und Philipp II. (den Furlanetto 2015 an der New Yorker MET verkörpert) stehen auf dem Programm der neuen Porträt-CD in der Reihe „Wiener Staatsoper Live“. In beiden Rollen ist Ferruccio Furlanetto mehrfach an der Wiener Staatsoper aufgetreten. Als Meister der gesanglichen Charakterisierung und psychologischen Feinzeichnung versteht sich Furlanetto in besonderem Maß darauf, die Einsamkeit beider Figuren mitreißend zum Ausdruck zu bringen – zum einen in Ausschnitten aus Don Carlo von 1997 und 2001 (dirigiert von Michael Halász und Vjekoslav šutej) im Duett des Königs mit dem Marquis von Posa (hier gesungen von Carlos Álvarez), in der berühmten Arie „Ella giammai m’amò“, der darauffolgenden Auseinandersetzung mit dem Großinquisitor (Eric Halfvarson) und seiner vermeintlich untreuen Königin Elisabeth (Miriam Gauci). Zum anderen beeindruckt und berührt Ferruccio Furlanetto als Boris Godunow, sowohl im Kreml-Bild der zweiten (Original­ )Fassung von Mussorgskis Oper, 2007 unter Daniele Gatti mitgeschnitten, als auch in der Todesszene der Urfassung unter Tugan Sokhiev von 2012. Wie in seinen Verdi-Interpretationen ist Ferruccio Furlanetto auch im russischen Idiom ein einfühlsam gestaltender und phrasierender Sänger, der seinem Bass je nach szenischer Vorgabe auch die dunkelsten Klangfarben und Schattierungen abgewinnen kann und über allen Abgründen der Figur stets die Schönheiten der musikalischen Linie bewahrt.



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Oktober 2014

ORFEO 1 CD C 873 141 A

Karol Szymanowski - Violin Concertos, Myths

Baiba Skride beherrscht nicht nur das Standardrepertoire für Solovioline virtuos und idiomatisch wie kaum eine andere – in ihrem Konzertkalender und ihrer Diskographie finden sich auch immer wieder Werke weniger bekannter Komponisten. Bei den Londoner Proms spielte sie 2013 mit dem Oslo Philharmonic Orchestra unter der musikalischen Leitung von Vasily Petrenko das 1. Violinkonzert von Karol Szymanowski.C 873 141 A
C 873 141 A
Im Aufnahmestudio hat sie darüber hinaus das 2. Violinkonzert desselben Komponisten sowie den Duo-Zyklus Mythen mit Lauma Skride als Klavierpartnerin aufgenommen. An Szymanowskis Musik fasziniert vor allem ihre stilistische Vielfalt. Sein Schaffen gliedert sich in mehrere Phasen: die frühe Klavier- und Kammermusik verrät deutlich den Einfluss Skrjabins und Chopins, wobei die Werke des Letzteren für Szymanowski eine entscheidende Motivation als Mitbegründer der „jungpolnischen“ Musikbewegung darstellten. Auf seinen Reisen durch Europa und bis nach Afrika entwickelte Szymanowski sich aber weiter, anfangs inspiriert durch die Musik von Wagner, Strauss oder Schreker, dann immer mehr von archaischen Stoffen angezogen und diese in seine Klangkonzepte einbeziehend. Die erwähnten Werke in Baiba Skrides neuester Aufnahme machen diesen Weg genau nachvollziehbar, angefangen mit dem kammermusikalischen Duo in den Mythen, das quasi-impressionistisch auf die Antike zurückverweist und ihre Figuren wie den „Narziss“ oder die „Dryaden und Pan“ in schillernden Farben bricht. Das ein Jahr später, 1916 uraufgeführte 1. Violinkonzert geht insofern bereits über diese Ästhetik hinaus, als die Vorlage, das Gedicht Mainacht von Tadeusz Micinski zwar ebenfalls mythische Anspielungen enthält, Szymanowski die nächtliche Grundstimmung aber eher wie Gustav Mahler ohne klares Programm nutzt, um betörende Melodielinien und gleichsam Duette zwischen der Solo-Violine und einzelnen Instrumentengruppen (besonders den Holzbläsern) zu formen. Das 2. Violinkonzert von 1932 bietet Baiba Skride und dem Orchester dagegen die Gelegenheit, die Wucht von Szymanowskis Spätstil auszuspielen: rhythmisch klar gegliederte Abschnitte mit folkloristischen Anklängen verbinden sich hier mit den Kantilenen der Violine im Finale zu einem unerwarteten (und auch in Szymanowskis Schaffen nicht mehr überbotenem) triumphalen Abschluss.



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September 2014

Salzburger Festspieldokumente 2014

Wie jedes Jahr erinnern auch die diesjährigen Salzburger „Festspieldokumente“ bei Orfeo an prägende Künstler der Festivalgeschichte. An erster Stelle ist hier wohl Claudio Abbado zu nennen, der im Januar 2014 gestorben ist, und nicht nur am Pult der Berliner und Wiener Philharmoniker viele Konzerte und Opernabende an der Salzach geleitet hat, sondern auch internationale Jugendorchester bei den Festspielen zu rauschenden Erfolgen führte. Eindrucksvoll dokumentiert wird dies durch die CD mit dem Mitschnitt des ersten Konzertes des European Community Youth Orchestra von 1979 mit einem ebenso abwechslungsreichen wie anspruchsvollen Programm, von Beethoven über Prokofjew und Stravinsky bis hin zu Schönbergs Überlebendem aus Warschau mit dem Jeunesse-Chor Wien und Maximilian Schell als Sprecher. Ergänzt ist die Aufnahme um Eine Nacht auf dem kahlen Berge vom (durch Abbados Einsatz für die Original-Fassungen vielfach rehabilitierten) Komponisten Modest Mussorgski und gespielt vom Gustav-Mahler-Jugendorchester. C 892 141 B
C 892 141 B

Eines anderen großen Dirigenten gilt es anlässlich des 100. Geburtstages von Ferenc Fricsay im August 2014 zu gedenken. Zu den Maßstab setzenden Interpretationen, die er in Salzburg bis zu seinem allzu frühen Tod 1963 darbieten konnte, gehörte die deutschsprachige szenische Uraufführung von Frank Martin Der Zaubertrank (Le vin herbé). Die Produktion ist nun als historischer Mitschnitt verfügbar und vermittelt einen starken Eindruck von Fricsay Stilsicherheit im ungewohnten musikalischen Idiom für das Sujet von Tristan und Isolde, die Maria Cebotari und Julius Patzak hier ganz anders, aber nicht weniger ausdrucksstark als bei Richard Wagner interpretieren – und im Unterschied zu dessen Oper in einem ausgeglichenen Ensemble, das im Fall der Produktion unter Fricsay der hörbar motivierte Chor der Wiener Staatsoper abrundet. C 890 142 A
C 890 142 A

Das homogene Zusammenspiel und Aufeinander-Hören bestimmte auch den Auftritt des Borodin-Quartetts bei den Salzburger Festspielen 1961. Mit der Erstaufführung von Schostakowitschs 8. Streichquartett bestätigte es sich als nicht nur für diesen Komponisten, sondern überhaupt die russische und zeitgenössische Musik mit Referenzcharakter beherrschendes Streichquartett. Darüber hinaus bewies es bei den Salzburger Festspielen höchste stilistische Kompetenz für Brahms und Ravel, mit deren Musik sie das Schostakowitsch-Quartett im Zentrum des Abends, dynamisch und agogisch nicht weniger fein abgestuft, umrahmten. C 893 141 B
C 893 141 B

Für Puristen stand 1980 ein reines Mozart-Programm mit den Wiener Philharmonikern auf dem Programm, das kein Geringerer als Karl Böhm dirigierte. Es sollte seine Abschied von den Festspielen sein, was angesichts der Klarheit und Schärfe seiner Interpretationen der A-Dur-Symphonie KV 201 und der „Haffner“-Symphonie KV 385 nicht nahelag. Mit Maurizio Pollini hatte er für das „Kleine Krönungskonzert“ KV 459 einen Partner am Konzertflügel, der seine Musizierauffassung, die Musik ganz „von innen heraus“ zum Leuchten zu bringen, hörbar teilte und mit Böhm und den Wiener Philharmonikern perfekt zum Klingen brachte. C 891 141 B
C 891 141 B

Im Zeichen des 150. Geburtstages von Richard Strauss steht die Sammlung mit Ausschnitten aus diversen Liederabenden von 1956 bis 2010. Nicht weniger als achtzehn herausragende Strauss-Stimmen sind hier zu hören, der Reihenfolge ihres Auftritts nach: Elisabeth Schwarzkopf, Lisa Della Casa, Irmgard Seefried, Nicolai Gedda, Christa Ludwig, Hermann Prey, Leontyne Price, Peter Schreier, Edita Gruberova, Jessye Norman, Edith Mathis, Marjana Lipovšek, Heinz Zednik, Frederica von Stade, Francisco Araiza, Thomas Hampson, Diana Damrau und Michael Volle. Auf CD bieten sie einen Querschnitt durch die mehr als 200 Lieder dieses Komponisten, von bekannten frühen Titeln wie Die Nacht oder Zueignung über Auszüge aus dem seltenen Krämerspiegel bis hin zu späteren Vertonungen nach Gedichten von Friedrich Rückert. C 894 142 I
C 894 142 I



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August 2014

ORFEO 3 CD C 888 143 D

Richard Wagner - Tannhäuser

Die erste ist nicht immer die beste Vorstellung in einer Serie von Aufführungen. Gerade in der Rückschau verdient dieser Grundsatz des Theaters, beispielhaft überprüft zu werden. Auf den ersten Blick werden Kenner der Bayreuther Festspiele und ihrer Schallplattengeschichte wenig Neues an einem Live-Mitschnitt des Bayreuther Tannhäuser finden, den Wieland Wagner 1961 mit Wolfgang Sawallisch am Dirigentenpult inszenierte. C 888 143 D
C 888 143 D
Unter dessen musikalischer Leitung ist vor allem der folgende Festspielsommer akustisch dokumentiert worden, und damit – an der Seite von Wolfgang Windgassen als Titelheld – vor allem Grace Bumbry bei ihrem internationalen Durchbruch als „schwarze Venus“. 1961 jedoch hatten sowohl Victoria de los Angeles die Elisabeth als auch Dietrich Fischer-Dieskau (in seinem letzten Bayreuther Sommer) den Wolfram gesungen. Die Premiere litt wohl (wie in der Presse festgehalten wurde), neben der üblichen Premierenspannung und -nervosität, an einer ungünstigen, regen- und erkältungsreichen Wetterlage während der Eröffnungswoche. Einen regelrechten Fund aus den Rundfunkarchiven stellt daher der Tannhäuser-Mitschnitt der zweiten Folgevorstellung dar, wie er nun, 2014, auf CD in der Reihe der historischen Veröffentlichungen von den Bayreuther Festspielen herausgegeben wird. Eine günstige Tagesform aller Protagonisten erlaubte es Wolfgang Sawallisch an jenem, als Mitschnitt bis dato nicht zugänglichen Abend des 3. August 1961, seine stringente Lesart der Tannhäuser-Partitur mit straffen Tempi beizubehalten und trotzdem einen entscheidenden Tick „elastischer“ musizieren zu lassen, mit leichten Rubati und Anpassungen an die Phrasierungskunst seiner Sängerinnen und Sänger. Wie so häufig in Besetzungen, die Wieland Wagner maßgeblich verantwortet hat, sind dabei lyrischere Stimmen im Einklang mit einer differenzierten, psychologisch genauen Rollengestaltung zu vernehmen – was besonders eben am Beispiel von Victoria de los Angeles als sehr liedhaft gesungener Elisabeth, ohne gewaltige jugendlich dramatische Zuspitzung (und bei einigen Kolleginnen auch Übertreibungen), deutlich wird. Dietrich Fischer-Dieskau übertrifft sich als Wolfram gleichsam selbst noch einmal, und das „scheidende“ Paar zu Beginn, Grace Bumbry und Wolfgang Windgassen, trifft hier, wie vielleicht weder davor noch danach, den Ton von Liebesleid und -lust in perfekter (Bühnen-)Balance. Ein zweiter Anlauf lohnt sich manchmal eben doppelt.

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