ORFEO International – Neuheiten

Wichtige Neuerscheinungen kurz vorgestellt

Veröffentlichungszeitraum Oktober 2014 – April 2015

April 2015

ORFEO 1 CD C 872 151 A

Britten • Prokofiev • Shostakovich - The Cello Sonatas

Spannende Widersprüche von Musik und Geschichte

Die neue CD mit Daniel Müller-Schott und Francesco Piemontesi enthält drei Sonaten für Violoncello und Klavier. Sie bündelt anhand dieser Gattung, schlüssig und emotional im Zusammenspiel der beiden Künstler, mehrere Kapitel der Geschichte, und zwar nicht nur der Musikgeschichte. C 872 151 A
C 872 151 A
So verrät Sergej Prokofjews meisterhafte Gelassenheit, mit der er seine Sonate C-Dur op. 119 von 1949 in einem sanglichen Duktus entwickelt, einerseits Prokofjews Anpassung an die kulturpolitischen Maßgaben der Schlichtheit in der Sowjetunion, in die der weltweit gefeierte Komponist zwölf Jahre vorher zurückgekehrt war. Andererseits ist diese Sonate wie maßgeschneidert für ein herausragendes Duo am Cello und am Konzertflügel, damals (bei der Uraufführung) Rostropowitsch/Richter und heute Müller-Schott/Piemontesi. Ebenfalls gleichsam schicksalshaft ist Dmitri Schostakowitschs d-Moll-Sonate op. 40, mit der Schostakowitsch selbst als Pianist und Victor Kubatzki als Cello-Partner 1936 auf Konzertreise waren, als der Komponist von höchster Stelle auf den Index des stalinistischen Systems gesetzt wurde – tragische Ironie des Schicksals insofern, als die Cellosonate in ihrer melodiösen, ganz und gar nicht modernistischen Ausgestaltung, gerade den Schostakowitsch gegenüber erhobenen Vorwurf des „Chaos statt Musik“ Lügen straft. Daniel Müller-Schott und Francesco Piemontesi interpretieren dieses Stück denn auch in all seinen eingängigen, nachdenklichen und verspielten Facetten. Den Beginn einer produktiven Künstlerfreundschaft, manchen Widrigkeiten des Kalten Krieges zum Trotz, markiert schließlich Benjamin Brittens Sonata in C op. 65, die 1961 in Aldeburgh uraufgeführt wurde , wiederum mit Rostropowitsch und dem Komponisten als Klavierpartner. Die fünf Sätze dieser Sonate sind geprägt von charakteristischen Wendungen und Kontrasten, mit denen Britten sein Werk gespickt hat: mal zögerlich verhalten, mal aufbrausend, mal sprunghaft, mal nachdenklich und zum Schluss hin immer lebhafter und widerborstiger in der Rhythmik. So bietet auch diese Sonate Daniel Müller-Schott und Francesco Piemontesi reichlich Gelegenheit, ihre spieltechnische Klasse und ausdrucksstarke Interpretationskunst aufblitzen zu lassen.



nach oben

März 2015

ORFEO 1 CD C 737 151 A

Franz Schubert - Die schöne Müllerin

Auf der Opernbühne gehört Pavol Breslik schon seit Längerem zu den international begehrtesten Tenören im lyrischen Fach, ohne dabei den Konzert- und Liedgesang zu vernachlässigen. Mit seinem jugendlichen und zugleich männlichen, mit der Klarheit jedes Tones für sich einnehmenden und weder übertrieben hellen noch baritonal abgedunkelten Timbre scheint Breslik geradezu prädestiniert, Die schöne Müllerin von Franz Schubert nach Wilhelm Müllers Gedichtzyklus zu singen. C 737 151 A
C 737 151 A
Mitreißend begibt er sich nun (in einer neuen Studioaufnahme) auf den Weg des Müllerburschen mit seiner Verliebtheit in die Tochter des Meisters, mit seiner Enttäuschung, Verzweiflung und schließlich seinem Aufgeben angesichts von Treulosigkeit und Verrat. All dies kann Pavol Breslik, bei hervorragender Textbehandlung, mit einer in allen Nuancen wie selbstverständlichen Phrasierung zum Ausdruck bringen: vom frischen attaca-Einstieg bis zum Schluss, dem in großen Legato-Bögen gesungenen Wiegenlied des Baches. Dieser nimmt, gleichsam als der ständige Begleiter des Müllerburschen, durch Amir Katz am Konzertflügel eine nicht weniger beredsame Gestalt an: frei von allen Trübungen (des Pedals) akzentuiert der versierte Konzert- und Kammermusikpianist, wie reich Schubert Musik ist, und zwar vor allem an unterschiedlichen Bewegungen, überraschenden Windungen und Wendungen, vom unbändigen Dahinströmen bis zum abschließenden Stillstand, bei dem sich die Wogen scheinbar glätten. Und wie der Bach als Widerpart des Müllerburschen bietet diese Interpretation, weit über die aufregende Motorik hinaus, eine Fülle von Abstufungen von oben nach unten und in den Lautstärkegraden, die besonders in den unabgewandelten Strophen-Liedern ein Maximum an Abwechslung ermöglichen, ohne dass dies eine Selbstzweck würde. Alles steht immer in Verbindung mit den textlich benannten Stimmungen und Umschwüngen im Gefühlsleben des Müllerburschen. Durch den spannenden musikalischen Dialog von Breslik und Katz (die diesen Weg demnächst im Konzertsaal noch öfters gemeinsam beschreiten werden) klingt dieser beliebte Liedzyklus von Schubert so lebensnah und lebendig, wie es sich wohl alle nur wünschen können, die das Kunstlied schätzen.



nach oben

Februar 2015

ORFEO 1 CD C 864 141 A

Johann Sebastian Bach - Goldberg-Variationen

Dieser Konzertmitschnitt erscheint 20 Jahre nach dem Abschlusskonzert von Konstantin Lifschitz an der Gnessin-Schule, wo er zur Matura mit 17 Jahren die „Goldberg-Variationen“ vorspielte. C 864 141 A
C 864 141 A
Dass er in jener Zeit das Werk mehrmals auf dem Podium gespielt habe, sei damals noch „ungewöhnlich, ja sehr, sehr frech“ gewesen, und Lifschitz erinnert sich, wie es ihm damals so vorkam, als sei sogar die große Frau Kantor (Kissins Lehrerin) „fast neidisch“. Konstantin Lifschitz
Konstantin Lifschitz
Foto: Sona Andreasyan
Lifschitz hat keine Gelegenheit versäumt, das Werk auch auf Orgel und Cembalo zu probieren – eine öffentliche Aufführung darauf ist ihm jedoch nie in den Sinn gekommen. Er hat es inzwischen sehr oft im Konzert gespielt, auf allen 5 Kontinenten. Gegenüber dem Fehlen einer Tradition bei der „Kunst der Fuge“ – erst recht auf dem Klavier – bereiteten die „Goldberg-Variationen“ viel offensichtlichere Gefahren, etwa Überromantisierung oder zu trockenes Spiel. Wichtig sei ein Equilibrium von Wissen und Freiheit der Aufführung. Gegenüber den in einem ganz anderen Sinn voranschreitenden „Diabelli-Variationen“ von Beethoven mit ihrem Prozess der Zerschlagung und „Reinigung“ des Themas verhalte es sich mit und in den „Goldberg-Variationen“ anders. Außerdem ist es Konstantin Lifschitz wichtig, dass das Werk Bachs Originaltitel gemäß nicht Variationen sind, sondern Veraenderungen. Die so einfache und naheliegende Form-Idee einer Variationenreihe über ein gegebenes Thema hat Bach zumindest nach dem überlieferten Werkbestand nur äußerst zurückhaltend aufgegriffen, so selbstverständlich ihm der Einsatz der darin verwendeten Mittel war. Man kann aber sagen, findet auch Konstantin Lifschitz, dass Bachs Kunst mehr noch darin besteht, die höchste Kunstfertigkeit für das Hören zu verschleiern – durch ein „ablenkendes“ Spiel mit mannigfachen Änderungen auf vielen Ebenen. Im Vergleich zu früheren Jahren ist Konstantin Lifschitz heute etwas anderes wichtig, dem der hier veröffentlichte Mitschnitt des Würzburger Konzertes am nächsten komme. Unabdingbar ist ihm dabei die Integration aller Wiederholungen der einzelnen Variationen.



nach oben

Januar 2015

ORFEO 3 CD C 846 153 D

Mozart: Don Giovanni - Wolfgang Sawallisch

Selbst an großen Opernhäusern ist es ein besonderer Glücksfall, wenn nicht nur ein charismatischer Don Giovanni, sondern mit ihm in Mozarts gleichnamiger Oper das ganze Ensemble eine geradezu magnetische Wirkung auf das versammelte Publikum ausübt (und nicht wie im Verlauf der Handlung alle neuen Eroberungen des Verführers fehl schlagen und nur die Erinnerung an frühere Erfolge bleibt). C 846 153 D
C 846 153 D
Diese seltene Konstellation eines ungebrochen faszinierenden Titelhelden und ebenbürtiger „Objekte“ seiner Begierden ist 1973 bei den Münchner Opernfestspielen eingetreten: Der gerade Anfang dreißigjährige Ruggero Raimondi eroberte die Bühne der Bayerischen Staatsoper im Sturm und etablierte sich damit zugleich in seiner Generation als der Don Giovanni schlechthin. Aber mit seinem unverwechselbaren, beweglichen und unwiderstehlichen Bassbariton blieb er, obschon er im Zentrum der Aufführung stand, keineswegs die einzige Sensation. Mit Margaret Price als Donna Anna, Julia Varady als Donna Elvira und Lucia Popp als Zerlina sah er sich einem Sopranistinnen-Trio gegenüber, durch das nicht nur die jeweiligen Arien, sondern die zahlreichen und häufig so heiklen Ensemble-Nummern in Don Giovanni zu einem musikalischen Hochgenuss wurden (und im Live-Mitschnitt des Premierenabends nun nachzuhören sind). Inmitten dieser tragkräftigen und hoch individuellen Stimmen des Protagonisten und der Partnerinnen behauptete sich Hermann Winkler als Don Ottavio mit jugendlichem Heldentenor ebenso wie der überaus wendige Spielbass von Stafford Dean in der Dienerrolle des Leporello. Einen markigen Masetto gab Enrico Fissore, und für eine finale Höllenfahrt Don Giovannis, die dem Zuhörer so manchen Schauer über den Rücken jagen kann, garantierte neben Kurt Molls finsterem Bass für den Komtur nicht zuletzt Wolfgang Sawallisch am Pult des Bayerischen Staatsorchesters: ein Don Giovanni der rasanten Tempi, der brillant auf das dramatische Geschehen abgestimmten Impulse und, dank der lyrischen Qualitäten der Sängerinnen und Sänger, der immer wieder punktgenau gesetzten Momente der Ruhe und des beglückenden Innehaltens.



nach oben

November 2014

ORFEO 1 CD C 887 141 B

Ferruccio Furlanetto

In der Welt der Oper gibt es für jeden Stimmtyp Rollen, die eine Bühnenkarriere im jeweiligen Fach regelrecht krönen. Für einen Bass im ernsten Genre sind solche Rollen zweifellos und passenderweise die Herrscherfiguren König Philipp II. in Verdis Don Carlo und der Zar Boris Godunow in Mussorgskis gleichnamiger Oper. Sänger, die beide Partien auf den großen Bühnen in ihr Repertoire nehmen, sind handverlesen und der italienische Bass Ferruccio Furlanetto (der darüber hinaus im komischen Repertoire reüssiert) ist einer von ihnen. C 887 141 B
C 887 141 B
Seit fast 30 Jahren gastiert er regelmäßig an der Wiener Staatsoper – so auch in dieser Spielzeit in einer Premiere von Mussorgskis Chowanschtschina und als Fiesco in Verdis Simon Boccanegra, einer weiteren Paradepartie von ihm. Die zwei zuvor erwähnten Herrscherfiguren derselben Komponisten, Boris Godunow und Philipp II. (den Furlanetto 2015 an der New Yorker MET verkörpert) stehen auf dem Programm der neuen Porträt-CD in der Reihe „Wiener Staatsoper Live“. In beiden Rollen ist Ferruccio Furlanetto mehrfach an der Wiener Staatsoper aufgetreten. Als Meister der gesanglichen Charakterisierung und psychologischen Feinzeichnung versteht sich Furlanetto in besonderem Maß darauf, die Einsamkeit beider Figuren mitreißend zum Ausdruck zu bringen – zum einen in Ausschnitten aus Don Carlo von 1997 und 2001 (dirigiert von Michael Halász und Vjekoslav šutej) im Duett des Königs mit dem Marquis von Posa (hier gesungen von Carlos Álvarez), in der berühmten Arie „Ella giammai m’amò“, der darauffolgenden Auseinandersetzung mit dem Großinquisitor (Eric Halfvarson) und seiner vermeintlich untreuen Königin Elisabeth (Miriam Gauci). Zum anderen beeindruckt und berührt Ferruccio Furlanetto als Boris Godunow, sowohl im Kreml-Bild der zweiten (Original­ )Fassung von Mussorgskis Oper, 2007 unter Daniele Gatti mitgeschnitten, als auch in der Todesszene der Urfassung unter Tugan Sokhiev von 2012. Wie in seinen Verdi-Interpretationen ist Ferruccio Furlanetto auch im russischen Idiom ein einfühlsam gestaltender und phrasierender Sänger, der seinem Bass je nach szenischer Vorgabe auch die dunkelsten Klangfarben und Schattierungen abgewinnen kann und über allen Abgründen der Figur stets die Schönheiten der musikalischen Linie bewahrt.



nach oben

Oktober 2014

ORFEO 1 CD C 873 141 A

Karol Szymanowski - Violin Concertos, Myths

Baiba Skride beherrscht nicht nur das Standardrepertoire für Solovioline virtuos und idiomatisch wie kaum eine andere – in ihrem Konzertkalender und ihrer Diskographie finden sich auch immer wieder Werke weniger bekannter Komponisten. Bei den Londoner Proms spielte sie 2013 mit dem Oslo Philharmonic Orchestra unter der musikalischen Leitung von Vasily Petrenko das 1. Violinkonzert von Karol Szymanowski.C 873 141 A
C 873 141 A
Im Aufnahmestudio hat sie darüber hinaus das 2. Violinkonzert desselben Komponisten sowie den Duo-Zyklus Mythen mit Lauma Skride als Klavierpartnerin aufgenommen. An Szymanowskis Musik fasziniert vor allem ihre stilistische Vielfalt. Sein Schaffen gliedert sich in mehrere Phasen: die frühe Klavier- und Kammermusik verrät deutlich den Einfluss Skrjabins und Chopins, wobei die Werke des Letzteren für Szymanowski eine entscheidende Motivation als Mitbegründer der „jungpolnischen“ Musikbewegung darstellten. Auf seinen Reisen durch Europa und bis nach Afrika entwickelte Szymanowski sich aber weiter, anfangs inspiriert durch die Musik von Wagner, Strauss oder Schreker, dann immer mehr von archaischen Stoffen angezogen und diese in seine Klangkonzepte einbeziehend. Die erwähnten Werke in Baiba Skrides neuester Aufnahme machen diesen Weg genau nachvollziehbar, angefangen mit dem kammermusikalischen Duo in den Mythen, das quasi-impressionistisch auf die Antike zurückverweist und ihre Figuren wie den „Narziss“ oder die „Dryaden und Pan“ in schillernden Farben bricht. Das ein Jahr später, 1916 uraufgeführte 1. Violinkonzert geht insofern bereits über diese Ästhetik hinaus, als die Vorlage, das Gedicht Mainacht von Tadeusz Micinski zwar ebenfalls mythische Anspielungen enthält, Szymanowski die nächtliche Grundstimmung aber eher wie Gustav Mahler ohne klares Programm nutzt, um betörende Melodielinien und gleichsam Duette zwischen der Solo-Violine und einzelnen Instrumentengruppen (besonders den Holzbläsern) zu formen. Das 2. Violinkonzert von 1932 bietet Baiba Skride und dem Orchester dagegen die Gelegenheit, die Wucht von Szymanowskis Spätstil auszuspielen: rhythmisch klar gegliederte Abschnitte mit folkloristischen Anklängen verbinden sich hier mit den Kantilenen der Violine im Finale zu einem unerwarteten (und auch in Szymanowskis Schaffen nicht mehr überbotenem) triumphalen Abschluss.

nach oben