ORFEO International – Neuheiten

Wichtige Neuerscheinungen kurz vorgestellt

Veröffentlichungszeitraum Mai 2018 – November 2018

November 2018

ORFEO 2 CD C 952 182 I

Joseph Haydn: Il ritorno di Tobia

Haydn-Rarität mit Nikolaus Harnoncourt

Diese einmalige Aufführung von C 952 182 I
C 952 182 I
Haydns ausgesprochen selten zu hörendem biblischen Oratorium Il ritorno di Tobia geht auf ein ungewöhnliches Geschenk zurück: Das Orchestra La Scintilla, als „Originalklang“-Ensemble hervorgegangen aus dem Orchester der Oper Zürich, hatte Nikolaus Harnoncourt die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Damit ging einher, dass Harnoncourt sich ein Stück seiner Wahl aussuchen dürfte, das er zusammen mit dem Orchester unter idealen Bedingungen aufführen konnte.
Harnoncourt entschied sich überraschend für Haydns heutzutage praktisch unbekanntes Oratorium rund um die apokryphe biblische Geschichte des Tobias („Tobit“), der eine abenteuerliche Reise zusammen mit dem Engel Raphael unternimmt, um mit dessen Unterstützung seinen blinden Vater zu heilen. Ganz im Sinne des Sujets wurde das Konzert als Benefizveranstaltung zugunsten der Kriegsopfer von Sarajewo aufgezogen.
Mit idealer solistischer Besetzung (Ann Hallenberg, Valentina Farcas, Mauro Peter, Sen Guo und Ruben Drole) und dem grandiosen Arnold Schönberg Chor kam das Stück im Rahmen der Salzburger Festspiele 2013 in der Felsenreitschule unter Harnoncourts Leitung konzertant zur Aufführung. Die Veröffentlichung des praktisch nebengeräuschfreien Live-Mitschnitts durch Orfeo International markiert übrigens die erst dritte Aufnahme dieses so selten gespielten Haydn-Oratoriums in der Geschichte des Tonträgers. Einmal mehr fragt man sich, warum die meisten unter Haydns Opern und Oratorien so wenig gespielt werden. Objektiv betrachtet steht Il ritorno di Tobia Haydns Oratorien-Hits Die Schöpfung und Die Jahreszeiten jedenfalls musikalisch in nichts nach.



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November 2018

ORFEO 1 CD C 956 181 A

Schumann • Schubert • Reiter: Lieder

Mit Elisabeth Kulman durch die Geschichte des Kunstlieds

Die Schubertiade Schwarzenberg C 956 181 A
C 956 181 A
kann auf eine über 40-jährige Geschichte zurückblicken und ist damit eines der dienstältesten Musikfestivals zum Thema Kunstlied. Ganz im Sinne der einstigen Gründer Hermann Prey und Gerd Nachbauer steht dort auch heute die Musik Franz Schuberts im Zentrum des Interesses, wird jedoch seit Jahren auch gespiegelt durch Repertoire von Komponisten, die auf Schubert folgten und sein Lied-Erbe weiterführten.
Einer der wesentlichen Lied-Komponisten nach Schubert war fraglos Robert Schumann, den Elisabeth Kulman, die aktuell vielleicht beste Mezzosopranistin überhaupt, in den Mittelpunkt Ihres Schubertiade-Liederabends vom 26.08.2017 stellte. Sie führte zusammen mit ihrem ausgezeichneten Begleiter Eduard Kutrowatz eine sehr persönliche Auswahl an Schumann-Liedern auf, sowohl mit bekannten „Standards“ als auch mit vielen Repertoire-Raritäten.
Im zweiten Teil ihres Liederabends stellte Kulman einige der bekanntesten Schubert-Lieder den Kompositionen Herwig Reiters gegenüber, der gegenwärtig als einer der führenden Liedkomponisten gilt. Sie zeigte damit eindrucksvoll eine Linie auf, die die Tradition des Kunstlieds von Schubert bis heute beeindruckend anhand von durchweg genialem Repertoire vor den Hörenden ausbreitet.



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Oktober 2018

ORFEO 1 CD C 933 181 A

Trip to Russia

Seltenes russisches Cello-Repertoire: Aus der Alten Welt

Vielleicht ist ja relative Begrenztheit eines Repertoires auch ein Vorteil. Die riesigen Welten etwa des Opernschaffens Verdis, von Bachs Kantatenwerk, der Lieder Schuberts oder von Haydns Symphonien scheinen so unüberschaubar, daß man sich völlig überfordert fühlen kann. C 933 181 A
C 933 181 A
Beim Cello-Repertoire ist es ganz anders, und Daniel Müller-Schott scheint es jedes Mal regelrecht zu genießen, aus dieser Not eine Tugend zu machen, auf jeweils eigene Weise zu Hauptwerken der Literatur hinzuführen und sie individuell zu beleuchten.
Sein neues rein russisches Programm kreist um Tschaikowskys Rokoko-Variationen. Mit weiteren Werken von Tschaikowsky, Rimsky-Korsakov und Alexander Glasunow finden sich hier Vertreter einer mit Glasunows Tod bis 1936 reichenden Spätromantik vereint, die sich in der Wirklichkeit ein einziges Mal zu dritt begegneten – bei der Einweihung einer Glinka-Statue 1885.
Ansonsten verband sie ein komplexes, auch spannungsvolles Verhältnis, wie es im ausführlichen Künstler-Interview von Meret-Forster im Beiheft en detail nachvollziehbar wird. Müller-Schott macht erlebbar, dass die Rokoko-Variationen einerseits die Mozart-Liebe Tschaikowskys und seine „moderne“, noble historische Reflektiertheit enthalten – aber auch seine intensive Emotionalität. Daneben führt er das schon als originales Violinwerk völlig unbekannte dreiteilige „Souvenir d’un lieu cher“ von Tschaikowsky vor, auf der Violine schwer genug, auf das Cello übertragen vom Solisten selbst (und orchestriert von Glasunow) eine Herausforderung der Extraklasse – die nebenbei das Repertoire erweitert.
Diese und noch weitere genremäßig höchst unterhaltsam und lehrreich verschieden geartete Werke von einem gestandenen Solisten zu hören, der selber noch Schüler des russischen Monuments Rostropowitsch war, gibt dem Interpreten hier selber schon eine historische Dimension. Immerhin schon mehr als ein Vierteljahrhundert ist es her, daß er 1992 den 1. Preis im Tschaikowsky-Wettbewerb für Junge Musiker gewann, dem Beginn seiner internationalen Karriere – die in ihrer Konstanz inzwischen schon viel länger währt, als es in unseren kurzlebigen Zeiten selbstverständlich ist.



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September 2018

ORFEO 8 CD C 957 188 L

Wolfgang Sawallisch

Am 26. August 1923 in München geboren, am 22. Februar 2013 in Grainau gestorben, steht der Name Sawallisch weltweit, aber besonders auch in seiner Geburtsstadt für einen Typ und eine Generation Dirigenten und Musiker in der Musikwelt, die es so nicht mehr gibt. Nach einer gründlichen Ausbildung errang er über eine solide Opernkapellmeisterlaufbahn rasch herausgehobene Posten im Musikleben. C 957 188 L
C 957 188 L
Sein Erfolg war in den 50er Jahren schon so groß bzw. so schnell ansteigend, dass er bereits 1957 am Grünen Hügel dirigieren durfte, und man muß sich nur einmal durchlesen, wie Birgit Nilsson in ihren Memoiren von dem „35-jährigen Sawallisch“ schwärmt: „Welch ein Talent, welche Begabung!“ Orfeo freut sich, erstmals offiziell Nilssons Isolde-Premierenproduktion unter Sawallisch von 1958 zu veröffentlichen (C951183); ebenso den berühmten Holländer mit London und Rysanek von 1959 (C936182).
Für seine Wirkung vor Ort und weltweit dürfte aber die Zeit an der Bayerischen Staatsoper von 1971 bis 1992 ausschlaggebend sein, zunächst als Generalmusikdirektor, seit 1982 als Staatsoperndirektor. Hier entfaltete er eine umfangreiche und immer wieder höchst qualitätvolle Tätigkeit als wahrhafter musikalischer Leiter. Innerhalb eines breiten aktiven Repertoires waren es vor allem die „Repertoire-Pfeiler“ Mozart, Wagner und Strauss, die bei ihm in gleichermaßen sehr guten Händen lagen. Legendär ist u.a. der Gesamtzyklus aller Wagner-Opern, den er 1983 veranstaltete (wie es ihn so in Bayreuth nie gibt), mit Mitschnitten davon im Orfeo-Katalog der drei ersten Wagner-Opern: Feen, Liebesverbot und Rienzi, Standard-Aufnahmen seitdem. Bekannt ist, dass Sawallisch als hervorragender Pianist auch immer wieder Kammermusik spielte oder Sänger begleitete – man höre davon im Orfeo-Katalog Beispiele mit Fischer-Dieskau, Prey, Weikl oder nicht zuletzt die erste Orfeo-CD überhaupt: Schubert-Lieder mit Margaret Price (C001811).
Dass er auch in den 70er Jahren sehr temperamentvolle Mozart-Aufführungen leiten konnte, beweisen die jüngst erschienenen Mitschnitte von Don Giovanni und Così, dass er auch das italienische Fach „konnte“, Puccini- und Rossini-Aufnahmen. Darüber hinaus verzeichnet der Orfeo-Katalog mehrere digitale Studio-Aufnahmen mit symphonischem Repertoire von Bruckner, Pfitzner und Weber und dem Brahms-Requiem, bemerkenswerterweise mit den „Kollegen“ vom Symphonieorchester des BR; als weiteren Tribut zu Sawallischs 95. Geburtstag veröffentlicht Orfeo diese jetzt gesammelt C 957181 L.



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August 2018

ORFEO 1 CD C 966 181 B

Dmitri Hvorostovsky: Bellini | Rossini | Tchaikovsky | Verdi

Dmitri Hvorostovsky kennt man nur mit schlohweißem Haar. Das machte ihn freilich – wie seinen schon früh reifen und klangvoll dunklen Bariton – geradezu alterslos, so als Eugen Onegin unter Kirill Petrenko (2010) , der Tatjana ob ihres flammenden Liebesbekenntnisses per Brief kritisiert und seine Ablehnung erklärt, C 966 181 B
C 966 181 B

oder ein Jahr zuvor als Fürst Jelezky in „Pique Dame“, wenn er Lisa seine mutmaßlich unerwiderte Liebe erklärt. Beides waren Paradepartien im russischen Repertoire des 1962 in Krasnojarsk geborenen Baritons.
Am Anfang steht Belcanto wie „I Puritani“ mit dem 31-Jährigen unter der Leitung von Plácido Domingo und ein Duett als Figaro mit dem Conte Almaviva von Michael Schade. In der Romanze aus Bellinis letzter Oper beklagt Riccardo den Verlust der ihm versprochenen Braut, die ihm in den Jahren der Unrast einziger Halt war. Dagegen verhandeln Graf und Barbier wortreich und musikalisch geschmeidig, wie er die geliebte Rosina erringen kann, aber auch dass die Hilfe reich belohnt werde.
Vor allem ist Dmitri Hvorostovsky auf dem vorliegenden Album als genuiner Verdi-Bariton zu erleben: als Posa (Don Carlos) , insbesondere aber in Vaterrollen. Dass Ensemble-Szenen dominieren, etwa das Quartett, in dem Hvorostovky als Rigoletto an der Seite von Patrizia Ciofi, Ramón Vargas und Donna Ellen singt, oder Hvorostovski als Simon Boccanegra im Finale 1. Akt von Verdis gleichnamiger, leider selten gespielter Oper hat seinen besonderen musiktheatralen Reiz. Da war Hvorostovsky schon vom Krebs gezeichnet und manches mag nicht mehr so mühelos klingen wie Jahrzehnte vorher. Aber das wird wettgemacht durch eine Tiefe der Gestaltung, die alles andere vergessen lässt.
Den Abschluss bildet die ergreifende Arie des Anckarström in der schwedischen Urfassung des „Ballo in Maschera“, in der er glaubt die Liebe seiner Frau verloren zu haben. Sie endet mit dem ebenso balsamischen wie ernüchterten: „O dolcezze perdute, o speranze d’amor – O süße Zeit der Liebe, sie ist vorbei“.

Zuvor ist Hvorostovsky mit dem von sich und seiner Moral so überzeugten Padre Germont (La Traviata) zu hören, der Violetta ( Marina Rebeka) zum Verzicht auf ihren geliebten Alfredo überredet. Das geschieht in einer Aufführung vom 29. November 2016; kaum ein Jahr später war Hvorostovsky dem Krebs, den er so lange bekämpfe, unterlegen – mit gerade mal 55 Jahren. Man hört da eine erschreckende Unerbittlichkeit, die trotz geheuchelten Mitleids gnadenlos mit dem Schicksal einer todkranken Frau ins Gericht geht und ihr das Beste nimmt, was sie in ihrem Leben jemals hatte – echte Liebe.



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August 2018

ORFEO 2 CD C 932 182 I

Baiba Skride - American Concertos

„Amerika, du hast es besser“

- schrieb 1827 Goethe genervt von der deutschen Romantik und dem „vergeblichen Streit“ fruchtloser Debatten.

100 Jahre später sah die Neue Welt eine weltgeschichtlich so noch nie dagewesene Einwanderungswelle bedeutendster, vorwiegend jüdischer Kräfte aus dem deutsch-österreichischen Geistesleben. C 932 182 I
C 932 182 I
Für die Komponisten unter ihnen war die scheinbar große Option der Filmmusikkomposition für die noch junge Tonfilmwelt Hollywoods jedoch nur in wenigen Fällen wirklich eine glückliche Gelegenheit: zu diesen wenigen, die sich in dem harten Gewerbe pragmatisch erfolgreich und nachhaltig behaupten konnten, gehörten Erich Wolfgang Korngold und Miklós Rózsa – beide wurden oft für Oscars nominiert und mehrfach ausgezeichnet. Von diesem existenzsichernden „musikdramatischen“ Genre ausgehend suchten beide, unabhängig von – und weitgehend auch ohne – Anerkennung des klassischen Musikbetriebs auch die Herausforderung der althergebrachten Formate – mit überragenden qualitativen Ergebnissen.
„Wenn Sie Heifetz sind, bin ich Mozart!“
Rózsa konnte am Telefon zunächst sein Glück nicht glauben, dass der Jahrhundertgeiger tatsächlich ernsthaft Interesse an seinem Violinkonzert und der Uraufführung bekundete – doch so kam es 1956, und auch die Erstaufnahme des technisch extrem schwierigen Werkes spielte Heifetz. Und ebenso war es mit dem Violinkonzert des 10 Jahre älteren Korngold geschehen – die Uraufführung 1947 und die glanzvolle Ersteinspielung auch dieses inzwischen fest etablierten Meisterwerkes hatte Heifetz übernommen.
Eine schon genuin amerikanische Musiker-Generation jünger war das früh strahlend erfolgreiche Allround-Talent Leonard Bernstein, und bei einem solchen kann eine Verbindung zur Filmmusik schwerlich fehlen, er komponierte allerdings nur eine einzige. Sein Violinkonzert von 1954,  „Serenade“, frei nach Platons „Symposion“,  schätzte Bernstein selbst als sein bestes Werk ein, und auch dieses Werk in seiner originell aufgelichteten Besetzung für Streichorchester, Harfe und Schlagzeug ist ein inzwischen anerkanntes bedeutendes Violinkonzert des 20. Jahrhunderts.  Die Uraufführung spielte unter dem Komponisten Isaac Stern. Als Zugabe gibt es noch die meisterhaften „Symphonischen Tänze“ aus der unsterblichen „Westside Story“, glücklich geschaffen weit jenseits des „vergeblichen Streits“ um U- und E-Musik.
Die sehr unterschiedlichen Herausforderungen aller drei Konzerte meistert Baiba Skride nicht nur wegen ihrer virtuosen Effekte, sondern insbesondere in ihrer unmittelbaren musikalischen Sprache und Ausdruck brillant.



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Juli 2018

ORFEO 2 CD C 936 182 I

Richard Wagner: Der fliegende Holländer

Die schlankste Senta der Welt

Obwohl Wagner selbst gegenüber Ludwig II. den Holländer unmissverständlich zum Kanon seiner in Bayreuth aufzuführenden Werke zählte, wurde die „Romantische Oper in drei Aufzügen“ erst 1901, als letztes dieser zehn, dort erstmals gegeben. C 936 182 I
C 936 182 I
1959 war ein besonderes Jahr in Neu-Bayreuth: mit dem frühesten hatte Wieland Wagner erstmals alle zehn Werke in Eigenregie präsentiert, zugleich war es das erste „ringfreie“ Jahr seit der Wiedereröffnung 1951 – für hartgesotten altgläubige Wagnerianer ein Unding, da doch nur Ring und Parsifal genuin an den Grünen Hügel gehörten. Gewohnt heftig waren auch wieder einmal die Grundsatzdiskussionen über die Ausrichtung der Festspiele – worüber und vieles mehr im Beihefttext wieder kenntnisreich und spannend der Festspielsprecher Peter Emmerich unterrichtet. Doch Wieland überraschte und überzeugte wieder einmal durch eine von ihm als „magischer Realismus“ bezeichnete „Neuerfindung“ seiner Regiesprache. Musikalisch war vor allem mit den beiden Darstellern der Senta (laut Wagner „der Frau der Zukunft“) und des Holländers für fulminanten Erfolg gesorgt – und dem musikalisch modern schlanken Dirigenten, der hier kurz zuvor in der Tristan-Neuproduktion erfolgreich debütiert hatte (neu auf CD ORRFEO C 951 183). Die alle Gefühlslagen des Dramas stimmlich intensiv durchgestaltende Leonie Rysanek gab noch dazu eine gute Figur ab – laut eigenem Bekunden als „schlankste Senta der Welt“. Der stimmgewaltige und durch sein männlich-herbes Timbre zugleich so unnachahmlich vornehm-empathische George London bleibt auch auf dem Tondokument unübertroffen. In den anderen Rollen ebenso überzeugend besetzt, setzte sich das Werk mit dieser zweiten Neu-Bayreuther Produktion auch dort allgemein durch. Besonders hinweisen möchten wir darauf, dass es sich bei diesem Tondokument nicht um den Premierenabend, sondern einen zweiten Mitschnitt vom 5. August 1959 handelt.



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Juni 2018

ORFEO 2 CD C 931 182 I

Gaetano Donizetti: Lucia di Lammermoor

Gleich zwei Weltkarrieren slowakischer Sänger begannen am 23. März 1978 in der Wiener Staatsoper: die des damals 27 Jahre alten Tenors Peter Dvorský, vor allem aber diejenige der 31-Jährigen Edita Gruberova, die bis heute andauert. Trotz ihres Erfolgs am Haus als Zerbinetta anderthalb Jahre zuvor, galt sie zumindest für eine große Belcanto-Partie als Geheimtipp. C 931 182 I
C 931 182 I
Auch wenn aus späteren Jahren (1984, 1992 und 2003) Studio-Aufnahmen dieser späteren Paradepartie mit Gruberova existieren, die sie allein in Wien 88 mal gesungen hat, so hat dieser frühe Live-Mitschnitt doch Qualitäten, die die späteren Einspielungen nicht besitzen: Mädchenhafte Unbedingtheit und doch stupende Perfektion (bis hin zum makellosen hohen es), mit der die Gruberova singt und gestaltet, ihr schon damals klangvoll unverwechselbares – und bis heute erhaltenes – Timbre, aber auch die wunderbar innige und doch spannungsvolle Partnerschaft mit Dvorský, dessen leidenschaftlich brennender Tenor schon das erste Duett mit der Lucia der Gruberova einzigartig und seine heikle Schluss-Szene zum letzten Höhepunkt der an Meriten nicht armen Aufführung macht. Matteo Manuguerra gibt Enrico, Lucias Bruder, eine gefährlich unerbittliche maskuline Wucht. Nicht zuletzt durch die aufregende musikalische Leitung von Giuseppe Patanè ist dies eine Perle in der an Höhepunkten nicht armen Diskographie der Gruberova und eine schöne Ergänzung der leider nicht allzu üppigen von Peter Dvorský. Der auch in München für das italienische Repertoire hoch geschätzte neapolitanische Dirigent macht das Sängerfest zum spannenden Musikdrama, indem er die Wiener Philharmoniker höchst flexibel agogisch und dynamisch führt.



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Mai 2018

ORFEO 3 CD C 951 183 D

Wagner, Tristan und Isolde

Eine sängerische Qualität zum Niederknien

Es gibt wenige Künstlerpersönlichkeiten, die in einem bestimmten Bereich derart unangefochten für lange Zeit die schwierigsten Rollen dominiert haben wie die schwedische Sopranistin Birgit Nilsson die hochdramatischen Partien von Wagner und Strauss. Diese Wirkung ist auch mit den Jahren und Jahrzehnten nach ihrem Abschied von der Bühne (1984) und ihrem Tod (2005) nicht abgeklungen, sondern durch zahlreiche Maßstäbe setzende Schallplattenaufnahmen bekräftigt, ja, hier möchte man wirklich sagen: verewigt.

In ihren C 951 183 D
C 951 183 D
launigen Memoiren berichtet Nilsson, wie Wieland Wagner nach Ihrem ersten Vorsingen in Bayreuth zu Ihrer größten Überraschung in seinem Zimmer vor ihr niedergekniet sei und ihr jegliche erdenkliche Rolle angeboten habe – amüsanterweise mit dem Zusatz: „nur niemals Isolde oder Brünhilde“. Das kam bekanntlich anders. Bemerkenswert an dem hier erstmals offiziell veröffentlichten Tristan-Mitschnitt ist mehreres. Es handelt sich um ihr Bayreuther Rollen-Debüt in einer der beiden genannten Rollen, auf die ihre Meisterschaft hinauslief, und die sie derart überwältigend ausfüllte, dass sie bis 1970 die Isolde war. Ihre ersten Bayreuther Erfolge – so auch hier – fanden aber in Produktionen von Wolfgang Wagner statt, vor der legendären späteren Zusammenarbeit mit Wieland. Und in diesem Fall musikalisch unter dem jungen Wolfgang Sawallisch, den Nilsson hoch schätzte. Die Produktion wurde erstaunlicherweise erst im hier veröffentlichten zweiten Jahr zu einem ganz großen Erfolg. Außer den zukünftigen festen Größen Windgassen, Grace Hoffman, Greindl und Uhl als Partner trat nur in diesem Jahr und überzeugend der Schwede Erik Saedén als Kurwenal auf.

Anlässlich des 100. Geburtstags der einzigartigen Sängerin am 17. Mai2018 sei an Wieland Wagners Charakterisierung der drei großen Nachkriegs-Isolden erinnert: „Martha Mödl war die tragische, schicksalsbeladene Isolde, Astrid Varnay war die rachelüsterne Isolde, und Birgit Nilsson war die liebende Isolde.“



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Mai 2018

ORFEO 1 CD C 915 181 B

Bruckner, Sinfonie No. 7

Vor der großen Blütezeit der Bruckner-Interpretation seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts war Hans Knappertsbusch (1888–1966) zweifellos einer der bedeutendsten Bruckner-Interpreten, und Bruckner gehörte umgekehrt zu seinem Kernrepertoire. C 915 181 B
C 915 181 B
Es existieren von ihm von der 3. - 5. und 7. - 9. Symphonie jeweils mehrere Aufnahmen, von der Siebten zwei, ein Konzertmitschnitt von den Salzburger Festspielen mit den Wiener Philharmonikern von 1949 (Orfeo 655061) und dieser hier erstmals von den Originalbändern (und nicht “off-the air“) edierte mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester von 1963.
Die Siebte eignet sich für den Vergleich auch älterer Aufnahmen insofern besonders, als hier die sonst bei Bruckner unvermeidlichen Fassungs- und Editionsfragen wegfallen. Die Unterschiede der beiden Aufnahmen sind beträchtlich, was bei „Kna“ nicht sonderlich überrascht. Die hier veröffentlichte spätere ist breiter angelegt, arbeitet manches weniger individuell heraus, dafür kann man nicht nur mitverfolgen, wie durchgreifend Knappertsbusch den Verlauf gliedert, sondern gerade bei den Bruckner-typisch mit Blech besetzten fortissimo-Höhepunkten ist es verblüffend, wie energisch der Dirigent auch hier noch gestaltet, phrasiert, „musikalisiert“ – so hat man das nie mehr gehört.
Das Orchester beeindruckt durch hervorragende Solistenleistungen. – Es ist übrigens dasselbe, das ein Jahrzehnt später mit Günther Wand die Bruckner-Symphonien komplett aufnahm.

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