ORFEO International – Neuheiten

Wichtige Neuerscheinungen kurz vorgestellt

Veröffentlichungszeitraum Juli 2018 – Januar 2019

Januar 2019

ORFEO 5 CD C 977 195

Alexander Glazunov: The Symphonies

Glasunows Sinfonien sind ein bedeutender Zyklus innerhalb der russischen Sinfonik, C 977 195
C 977 195
dem ein ähnlicher Rang beigemessen werden sollte, wie den heute ungleich bekannteren Sinfoniezyklen seiner Nachfolger Prokofiew, Mjaskowski oder Schostakowitsch. Ähnlich gelagert wie bei Camille Saint-Saëns in Frankreich oder Max Bruch in Deutschland, handelte es sich bei Alexander Glasunow um einen wirklich fortschrittlichen, aber formell konservativ denkenden Komponisten, der nicht bereit war, die tradierte sinfonische Form einer vordergründigen Moderne zu opfern. Es ist an der Zeit, die Sinfonien Glasunows zu rehabilitieren: Wer sich eingehend mit ihnen beschäftigt, wird einiges von der feinsten Musik ihrer Zeit in ihnen entdecken, erst Recht in diesen wunderbaren Dirigaten des großen Glasunow-Fürsprechers Neeme Järvi.



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Januar 2019

ORFEO 2 CD MP 1803

Béla Bartók: Piano Concertos Nos. 2 & 3

Einige der bekanntesten Werke Béla Bartóks sind auf diesem Album versammelt – alle haben sie Musikgeschichte geschrieben und die klassische Moderne entscheidend beeinflusst. MP 1803
MP 1803
Die Entstehung dieser Kompositionen erstreckte sich von 1927 (Streichquartett Nr. 3) bis 1945 (Klavierkonzert Nr. 3). Dies war eine Zeit des Umbruchs für Bartók: Bekannt geworden als einer der erfolgreichsten Musikschaffenden seiner Generation wurde er binnen kurzer Frist zu den von den Nationalsozialisten als „entartet“ eingestuften Komponisten erklärt, musste in die USA emigrieren, wo er ein äußerst glückloses Dasein fristete, an Leukämie erkrankte und 1945 starb. Das „Konzert für Orchester“ (1943) und das dritte Klavierkonzert waren seine letzten großen Werke und gehören beide zu Bartóks einflussreichsten Kompositionen. Auch das dritte Streichquartett war ein sofortiger Welterfolg: es gewann bereits kurz nach seiner Entstehung den Chamber Music Award der Stadt Philadelphia, und Theodor Adorno schrieb ein ausführliches Essay, in dem er das Stück als eines der maßstabsetzenden Werke seiner Zeit einstufte. Das zweite Klavierkonzert (1930/31) ist ein Versuch im Stil des Neoklassizismus. Einflüsse Strawinskys sind offensichtlich. Das Konzert gehört heute zu den beliebtesten Klavierkonzerten des 20. Jh. Die „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ (1936) gilt als eines der persönlichsten Werke in Bartóks OEuvre – ein Werk der Progression, in dem der Komponist einen intimen Personalstil anschlägt, der die Moderne mit der musikalischen Vergangenheit zu versöhnen scheint. Die innere Tragik und Dramatik des Werks sind erschütternd und scheinen persönliche Schicksalsschläge im Leben des Komponisten vorauszuahnen.



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Januar 2019

ORFEO 2 CD MP 1802

Böhmische Klassik

In der Frühklassik verschob sich der Fokus der europäischen Musikwelt: Waren im Barock vor allem Italien, Frankreich und Deutschland – die Kerngebiete der absolutistischen Herrscherhöfe – „taktangebend“, ging mit dem Erstarken des Bürgertums eine neue Musikästhetik einher, die sich von der pompösen Barockästhetik verabschiedete. MP 1802
MP 1802
Noch zu Mozarts Zeit galt Prag als eine der wichtigsten „Musikstädte“ der Welt. Daran hatten auch die Komponisten auf diesem Album Teil. Unter Ihnen nimmt Johann Baptist Vanhal eine Sonderstellung ein. Er gehörte zu den erfolgreichsten Künstlern seiner Zeit und war einer der ersten Musiker, die nur vom Ertrag ihrer Kompositionen und von Musikunterricht leben konnten. Damit war er Vorbild für Mozart und Beethoven. František Benda hingegen war Mitglied der Hofkapelle August des Starken und später Friedrichs des Großen. Leopold Koželuch war einer der produktivsten Komponisten des 18. Jh., ein Pionier auf vielen Gebieten und ein progressiver Geist. Johann Sobeck wurde in der Nähe von Karlsbad geboren, machte aber Karriere am königlichen Theater von Hannover. Über 50 Jahre wirkte er in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Ždenìk Fibich war ein Zeitgenosse Anton Dvoøáks, verkörpert also die musikalische Romantik. Als wesentlicher Vertreter eines tschechischen Nationalstils in der Musik ist er heute ebenso unverdient unterrepräsentiert wie Joseph Bohuslav Foerster, der enger Freund Gustav Mahlers war.



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Januar 2019

ORFEO 2 CD MP 1801

Johann Sebastian Bach: Solo Piano Music

Heute steht außer Frage, dass Johann Sebastian Bach die Barockmusik zu ihrer höchsten Blüte geführt hat. Seinen Zeitgenossen war das nicht immer klar. MP 1801
MP 1801
Sie betrachteten die anspruchsvollen Fugen Bachs als eine annähernd theoretische Musik: höchst elaboriert, aber an der Grenze der Unspielbarkeit. Wie sehr Bach seiner Zeit voraus war, lässt sich auch daran ermessen, dass Bachs „Klavier“-Musik (im Barock wurden jegliche Tasteninstrumente als „Clavier“ bezeichnet) die größten unter seinen Nachfolgern beschäftigte: Mozart, Beethoven, Schumann, Chopin, Debussy, Schostakowitsch – sie alle (und noch viele mehr) setzten sich in einigen ihrer bedeutendsten Kompositionen mit Bachs Musik auseinander, wobei vor allem die Präludien und Fugen aus dem „Wohltemperierten Klavier“ einen Dreh- und Angelpunkt bildeten. Bis heute erweist sich Bachs Musik für Tasteninstrumente als eine unerschöpfliche Quelle musikalischen Reichtums, und dabei ist sie doch offen für unterschiedlichste Interpretationsansätze.
Auf dem vorliegenden Album spielen vier Pianisten Bachs Musik. Sie stehen für unterschiedliche Epochen der Interpretationsgeschichte – angefangen mit der „neuen Sachlichkeit“ des 1910 geborenen Carl Seemann bis hin zu der hoch virtuosen Kunst des 1976 geborenen, u.a. von Alfred Brendel ausgebildeten Konstantin Lifschitz: Die vier Persönlichkeiten der Pianisten auf diesem Album verschmelzen mit der Musik Bachs und lassen erahnen, warum ihr eine universelle Größe zugestanden wird.



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November 2018

ORFEO 2 CD C 952 182 I

Joseph Haydn: Il ritorno di Tobia

Haydn-Rarität mit Nikolaus Harnoncourt

Diese einmalige Aufführung von C 952 182 I
C 952 182 I
Haydns ausgesprochen selten zu hörendem biblischen Oratorium Il ritorno di Tobia geht auf ein ungewöhnliches Geschenk zurück: Das Orchestra La Scintilla, als „Originalklang“-Ensemble hervorgegangen aus dem Orchester der Oper Zürich, hatte Nikolaus Harnoncourt die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Damit ging einher, dass Harnoncourt sich ein Stück seiner Wahl aussuchen dürfte, das er zusammen mit dem Orchester unter idealen Bedingungen aufführen konnte.
Harnoncourt entschied sich überraschend für Haydns heutzutage praktisch unbekanntes Oratorium rund um die apokryphe biblische Geschichte des Tobias („Tobit“), der eine abenteuerliche Reise zusammen mit dem Engel Raphael unternimmt, um mit dessen Unterstützung seinen blinden Vater zu heilen. Ganz im Sinne des Sujets wurde das Konzert als Benefizveranstaltung zugunsten der Kriegsopfer von Sarajewo aufgezogen.
Mit idealer solistischer Besetzung (Ann Hallenberg, Valentina Farcas, Mauro Peter, Sen Guo und Ruben Drole) und dem grandiosen Arnold Schönberg Chor kam das Stück im Rahmen der Salzburger Festspiele 2013 in der Felsenreitschule unter Harnoncourts Leitung konzertant zur Aufführung. Die Veröffentlichung des praktisch nebengeräuschfreien Live-Mitschnitts durch Orfeo International markiert übrigens die erst dritte Aufnahme dieses so selten gespielten Haydn-Oratoriums in der Geschichte des Tonträgers. Einmal mehr fragt man sich, warum die meisten unter Haydns Opern und Oratorien so wenig gespielt werden. Objektiv betrachtet steht Il ritorno di Tobia Haydns Oratorien-Hits Die Schöpfung und Die Jahreszeiten jedenfalls musikalisch in nichts nach.



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November 2018

ORFEO 1 CD C 956 181 A

Schumann • Schubert • Reiter: Lieder

Mit Elisabeth Kulman durch die Geschichte des Kunstlieds

Die Schubertiade Schwarzenberg C 956 181 A
C 956 181 A
kann auf eine über 40-jährige Geschichte zurückblicken und ist damit eines der dienstältesten Musikfestivals zum Thema Kunstlied. Ganz im Sinne der einstigen Gründer Hermann Prey und Gerd Nachbauer steht dort auch heute die Musik Franz Schuberts im Zentrum des Interesses, wird jedoch seit Jahren auch gespiegelt durch Repertoire von Komponisten, die auf Schubert folgten und sein Lied-Erbe weiterführten.
Einer der wesentlichen Lied-Komponisten nach Schubert war fraglos Robert Schumann, den Elisabeth Kulman, die aktuell vielleicht beste Mezzosopranistin überhaupt, in den Mittelpunkt Ihres Schubertiade-Liederabends vom 26.08.2017 stellte. Sie führte zusammen mit ihrem ausgezeichneten Begleiter Eduard Kutrowatz eine sehr persönliche Auswahl an Schumann-Liedern auf, sowohl mit bekannten „Standards“ als auch mit vielen Repertoire-Raritäten.
Im zweiten Teil ihres Liederabends stellte Kulman einige der bekanntesten Schubert-Lieder den Kompositionen Herwig Reiters gegenüber, der gegenwärtig als einer der führenden Liedkomponisten gilt. Sie zeigte damit eindrucksvoll eine Linie auf, die die Tradition des Kunstlieds von Schubert bis heute beeindruckend anhand von durchweg genialem Repertoire vor den Hörenden ausbreitet.



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Oktober 2018

ORFEO 1 CD C 953 181 B

Liederabend - Schumann, Brahms

1974 trafen einige der besten Künstlerinnen und Künstler ihrer Zeit bei den Salzburger Festspielen zusammen, um ein Repertoire wiederzubeleben, das lange vernachlässigt worden war. Es ging um Robert Schumanns „Spanisches Liederspiel“ Op. 74 und Johannes Brahms‘ „Liebeslieder-Walzer“ Op. 52. C 953 181 B
C 953 181 B
Beide Werke setzen bis zu vier Gesangssolisten voraus, das Brahms-Stück wird zudem noch vierhändig begleitet. Man kann sich vorstellen, dass ein solches Repertoire, das zwar ideal für die „Hausmusik“ des 19. Jahrhunderts erschienen sein mag, dem viel stärker in Genre-„Schubladen“ denkenden 20. Jahrhundert suspekt war. Umso größer war die Begeisterung, als Edith Mathis, Brigitte Fassbaender, Peter Schreier und Walter Berry zusammen mit den Pianisten Paul Schilhawsky und Erik Werba diese Stücke im Rahmen der Salzburger Festspiele in einer Art und Weise aufführten, wie man sie auch heute nur bewundern kann. Die im Booklet enthaltenen Fotos der Proben zeugen von schierer Musizierfreude der Beteiligten und dank der erlesenen Solisten, die sich allesamt auf dem Zenit ihres stimmlichen Könnens befanden, springt der Funke auch heute sofort über, wird dieser historische Live-Mitschnitt zu einem wirklichen Ton-Dokument von Rang und Wert.



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Oktober 2018

ORFEO 3 CD C 866 183 D

Georges Bizet: Carmen

Wenn bei einem weltweit einflussreichen Event wie den Salzburger Festspielen eine Erfolgsoper wie Bizets „Carmen“ gegeben wird, ist dies immer eine große Sache. Doch 1967, so sollte man sich in Erinnerung rufen, war es das allererste Mal, dass die „Carmen“ bei den Salzburger Festspielen erklang. C 866 183 D
C 866 183 D
Die Erwartungen waren enorm, und so wurde an nichts gespart: Die größten Stars der Zeit, wie Grace Bumbry, Mirella Freni, Jon Vickers, John van Kesteren u.v.a. sorgten für eine Besetzung, die selbst bis in die hinterste Nebenrolle auch heute noch als ideal erscheint. Und mit Herbert von Karajan war der Dirigent gleichzeitig auch der Regisseur, sodass ihm dieser Umstand die volle Kontrolle verlieh, um der Musik nach seinem Blickwinkel zu einer optimalen Entfaltung zu verhelfen. Aus der musikalisch erstklassigen Aufführung lässt sich keinesfalls heraushören, dass diese Inszenierung zu Karajans größtem Misserfolg in Salzburg werden sollte. Und so haben wir in diesem klanglich bestmöglich restaurierten Live-Mitschnitt erneut ein Salzburger Dokument, das bei Orfeo erscheint und das uns heute einen objektiven Blick zurück erlaubt.



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Oktober 2018

ORFEO 1 CD C 933 181 A

Trip to Russia

Seltenes russisches Cello-Repertoire: Aus der Alten Welt

Vielleicht ist ja relative Begrenztheit eines Repertoires auch ein Vorteil. Die riesigen Welten etwa des Opernschaffens Verdis, von Bachs Kantatenwerk, der Lieder Schuberts oder von Haydns Symphonien scheinen so unüberschaubar, daß man sich völlig überfordert fühlen kann. C 933 181 A
C 933 181 A
Beim Cello-Repertoire ist es ganz anders, und Daniel Müller-Schott scheint es jedes Mal regelrecht zu genießen, aus dieser Not eine Tugend zu machen, auf jeweils eigene Weise zu Hauptwerken der Literatur hinzuführen und sie individuell zu beleuchten.
Sein neues rein russisches Programm kreist um Tschaikowskys Rokoko-Variationen. Mit weiteren Werken von Tschaikowsky, Rimsky-Korsakov und Alexander Glasunow finden sich hier Vertreter einer mit Glasunows Tod bis 1936 reichenden Spätromantik vereint, die sich in der Wirklichkeit ein einziges Mal zu dritt begegneten – bei der Einweihung einer Glinka-Statue 1885.
Ansonsten verband sie ein komplexes, auch spannungsvolles Verhältnis, wie es im ausführlichen Künstler-Interview von Meret-Forster im Beiheft en detail nachvollziehbar wird. Müller-Schott macht erlebbar, dass die Rokoko-Variationen einerseits die Mozart-Liebe Tschaikowskys und seine „moderne“, noble historische Reflektiertheit enthalten – aber auch seine intensive Emotionalität. Daneben führt er das schon als originales Violinwerk völlig unbekannte dreiteilige „Souvenir d’un lieu cher“ von Tschaikowsky vor, auf der Violine schwer genug, auf das Cello übertragen vom Solisten selbst (und orchestriert von Glasunow) eine Herausforderung der Extraklasse – die nebenbei das Repertoire erweitert.
Diese und noch weitere genremäßig höchst unterhaltsam und lehrreich verschieden geartete Werke von einem gestandenen Solisten zu hören, der selber noch Schüler des russischen Monuments Rostropowitsch war, gibt dem Interpreten hier selber schon eine historische Dimension. Immerhin schon mehr als ein Vierteljahrhundert ist es her, daß er 1992 den 1. Preis im Tschaikowsky-Wettbewerb für Junge Musiker gewann, dem Beginn seiner internationalen Karriere – die in ihrer Konstanz inzwischen schon viel länger währt, als es in unseren kurzlebigen Zeiten selbstverständlich ist.



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September 2018

ORFEO 8 CD C 957 188 L

Wolfgang Sawallisch

Am 26. August 1923 in München geboren, am 22. Februar 2013 in Grainau gestorben, steht der Name Sawallisch weltweit, aber besonders auch in seiner Geburtsstadt für einen Typ und eine Generation Dirigenten und Musiker in der Musikwelt, die es so nicht mehr gibt. Nach einer gründlichen Ausbildung errang er über eine solide Opernkapellmeisterlaufbahn rasch herausgehobene Posten im Musikleben. C 957 188 L
C 957 188 L
Sein Erfolg war in den 50er Jahren schon so groß bzw. so schnell ansteigend, dass er bereits 1957 am Grünen Hügel dirigieren durfte, und man muß sich nur einmal durchlesen, wie Birgit Nilsson in ihren Memoiren von dem „35-jährigen Sawallisch“ schwärmt: „Welch ein Talent, welche Begabung!“ Orfeo freut sich, erstmals offiziell Nilssons Isolde-Premierenproduktion unter Sawallisch von 1958 zu veröffentlichen (C951183); ebenso den berühmten Holländer mit London und Rysanek von 1959 (C936182).
Für seine Wirkung vor Ort und weltweit dürfte aber die Zeit an der Bayerischen Staatsoper von 1971 bis 1992 ausschlaggebend sein, zunächst als Generalmusikdirektor, seit 1982 als Staatsoperndirektor. Hier entfaltete er eine umfangreiche und immer wieder höchst qualitätvolle Tätigkeit als wahrhafter musikalischer Leiter. Innerhalb eines breiten aktiven Repertoires waren es vor allem die „Repertoire-Pfeiler“ Mozart, Wagner und Strauss, die bei ihm in gleichermaßen sehr guten Händen lagen. Legendär ist u.a. der Gesamtzyklus aller Wagner-Opern, den er 1983 veranstaltete (wie es ihn so in Bayreuth nie gibt), mit Mitschnitten davon im Orfeo-Katalog der drei ersten Wagner-Opern: Feen, Liebesverbot und Rienzi, Standard-Aufnahmen seitdem. Bekannt ist, dass Sawallisch als hervorragender Pianist auch immer wieder Kammermusik spielte oder Sänger begleitete – man höre davon im Orfeo-Katalog Beispiele mit Fischer-Dieskau, Prey, Weikl oder nicht zuletzt die erste Orfeo-CD überhaupt: Schubert-Lieder mit Margaret Price (C001811).
Dass er auch in den 70er Jahren sehr temperamentvolle Mozart-Aufführungen leiten konnte, beweisen die jüngst erschienenen Mitschnitte von Don Giovanni und Così, dass er auch das italienische Fach „konnte“, Puccini- und Rossini-Aufnahmen. Darüber hinaus verzeichnet der Orfeo-Katalog mehrere digitale Studio-Aufnahmen mit symphonischem Repertoire von Bruckner, Pfitzner und Weber und dem Brahms-Requiem, bemerkenswerterweise mit den „Kollegen“ vom Symphonieorchester des BR; als weiteren Tribut zu Sawallischs 95. Geburtstag veröffentlicht Orfeo diese jetzt gesammelt C 957181 L.



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August 2018

ORFEO 1 CD C 966 181 B

Dmitri Hvorostovsky: Bellini | Rossini | Tchaikovsky | Verdi

Dmitri Hvorostovsky kennt man nur mit schlohweißem Haar. Das machte ihn freilich – wie seinen schon früh reifen und klangvoll dunklen Bariton – geradezu alterslos, so als Eugen Onegin unter Kirill Petrenko (2010) , der Tatjana ob ihres flammenden Liebesbekenntnisses per Brief kritisiert und seine Ablehnung erklärt, C 966 181 B
C 966 181 B

oder ein Jahr zuvor als Fürst Jelezky in „Pique Dame“, wenn er Lisa seine mutmaßlich unerwiderte Liebe erklärt. Beides waren Paradepartien im russischen Repertoire des 1962 in Krasnojarsk geborenen Baritons.
Am Anfang steht Belcanto wie „I Puritani“ mit dem 31-Jährigen unter der Leitung von Plácido Domingo und ein Duett als Figaro mit dem Conte Almaviva von Michael Schade. In der Romanze aus Bellinis letzter Oper beklagt Riccardo den Verlust der ihm versprochenen Braut, die ihm in den Jahren der Unrast einziger Halt war. Dagegen verhandeln Graf und Barbier wortreich und musikalisch geschmeidig, wie er die geliebte Rosina erringen kann, aber auch dass die Hilfe reich belohnt werde.
Vor allem ist Dmitri Hvorostovsky auf dem vorliegenden Album als genuiner Verdi-Bariton zu erleben: als Posa (Don Carlos) , insbesondere aber in Vaterrollen. Dass Ensemble-Szenen dominieren, etwa das Quartett, in dem Hvorostovky als Rigoletto an der Seite von Patrizia Ciofi, Ramón Vargas und Donna Ellen singt, oder Hvorostovski als Simon Boccanegra im Finale 1. Akt von Verdis gleichnamiger, leider selten gespielter Oper hat seinen besonderen musiktheatralen Reiz. Da war Hvorostovsky schon vom Krebs gezeichnet und manches mag nicht mehr so mühelos klingen wie Jahrzehnte vorher. Aber das wird wettgemacht durch eine Tiefe der Gestaltung, die alles andere vergessen lässt.
Den Abschluss bildet die ergreifende Arie des Anckarström in der schwedischen Urfassung des „Ballo in Maschera“, in der er glaubt die Liebe seiner Frau verloren zu haben. Sie endet mit dem ebenso balsamischen wie ernüchterten: „O dolcezze perdute, o speranze d’amor – O süße Zeit der Liebe, sie ist vorbei“.

Zuvor ist Hvorostovsky mit dem von sich und seiner Moral so überzeugten Padre Germont (La Traviata) zu hören, der Violetta ( Marina Rebeka) zum Verzicht auf ihren geliebten Alfredo überredet. Das geschieht in einer Aufführung vom 29. November 2016; kaum ein Jahr später war Hvorostovsky dem Krebs, den er so lange bekämpfe, unterlegen – mit gerade mal 55 Jahren. Man hört da eine erschreckende Unerbittlichkeit, die trotz geheuchelten Mitleids gnadenlos mit dem Schicksal einer todkranken Frau ins Gericht geht und ihr das Beste nimmt, was sie in ihrem Leben jemals hatte – echte Liebe.



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August 2018

ORFEO 2 CD C 932 182 I

Baiba Skride - American Concertos

„Amerika, du hast es besser“

- schrieb 1827 Goethe genervt von der deutschen Romantik und dem „vergeblichen Streit“ fruchtloser Debatten.

100 Jahre später sah die Neue Welt eine weltgeschichtlich so noch nie dagewesene Einwanderungswelle bedeutendster, vorwiegend jüdischer Kräfte aus dem deutsch-österreichischen Geistesleben. C 932 182 I
C 932 182 I
Für die Komponisten unter ihnen war die scheinbar große Option der Filmmusikkomposition für die noch junge Tonfilmwelt Hollywoods jedoch nur in wenigen Fällen wirklich eine glückliche Gelegenheit: zu diesen wenigen, die sich in dem harten Gewerbe pragmatisch erfolgreich und nachhaltig behaupten konnten, gehörten Erich Wolfgang Korngold und Miklós Rózsa – beide wurden oft für Oscars nominiert und mehrfach ausgezeichnet. Von diesem existenzsichernden „musikdramatischen“ Genre ausgehend suchten beide, unabhängig von – und weitgehend auch ohne – Anerkennung des klassischen Musikbetriebs auch die Herausforderung der althergebrachten Formate – mit überragenden qualitativen Ergebnissen.
„Wenn Sie Heifetz sind, bin ich Mozart!“
Rózsa konnte am Telefon zunächst sein Glück nicht glauben, dass der Jahrhundertgeiger tatsächlich ernsthaft Interesse an seinem Violinkonzert und der Uraufführung bekundete – doch so kam es 1956, und auch die Erstaufnahme des technisch extrem schwierigen Werkes spielte Heifetz. Und ebenso war es mit dem Violinkonzert des 10 Jahre älteren Korngold geschehen – die Uraufführung 1947 und die glanzvolle Ersteinspielung auch dieses inzwischen fest etablierten Meisterwerkes hatte Heifetz übernommen.
Eine schon genuin amerikanische Musiker-Generation jünger war das früh strahlend erfolgreiche Allround-Talent Leonard Bernstein, und bei einem solchen kann eine Verbindung zur Filmmusik schwerlich fehlen, er komponierte allerdings nur eine einzige. Sein Violinkonzert von 1954,  „Serenade“, frei nach Platons „Symposion“,  schätzte Bernstein selbst als sein bestes Werk ein, und auch dieses Werk in seiner originell aufgelichteten Besetzung für Streichorchester, Harfe und Schlagzeug ist ein inzwischen anerkanntes bedeutendes Violinkonzert des 20. Jahrhunderts.  Die Uraufführung spielte unter dem Komponisten Isaac Stern. Als Zugabe gibt es noch die meisterhaften „Symphonischen Tänze“ aus der unsterblichen „Westside Story“, glücklich geschaffen weit jenseits des „vergeblichen Streits“ um U- und E-Musik.
Die sehr unterschiedlichen Herausforderungen aller drei Konzerte meistert Baiba Skride nicht nur wegen ihrer virtuosen Effekte, sondern insbesondere in ihrer unmittelbaren musikalischen Sprache und Ausdruck brillant.



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Juli 2018

ORFEO 2 CD C 936 182 I

Richard Wagner: Der fliegende Holländer

Die schlankste Senta der Welt

Obwohl Wagner selbst gegenüber Ludwig II. den Holländer unmissverständlich zum Kanon seiner in Bayreuth aufzuführenden Werke zählte, wurde die „Romantische Oper in drei Aufzügen“ erst 1901, als letztes dieser zehn, dort erstmals gegeben. C 936 182 I
C 936 182 I
1959 war ein besonderes Jahr in Neu-Bayreuth: mit dem frühesten hatte Wieland Wagner erstmals alle zehn Werke in Eigenregie präsentiert, zugleich war es das erste „ringfreie“ Jahr seit der Wiedereröffnung 1951 – für hartgesotten altgläubige Wagnerianer ein Unding, da doch nur Ring und Parsifal genuin an den Grünen Hügel gehörten. Gewohnt heftig waren auch wieder einmal die Grundsatzdiskussionen über die Ausrichtung der Festspiele – worüber und vieles mehr im Beihefttext wieder kenntnisreich und spannend der Festspielsprecher Peter Emmerich unterrichtet. Doch Wieland überraschte und überzeugte wieder einmal durch eine von ihm als „magischer Realismus“ bezeichnete „Neuerfindung“ seiner Regiesprache. Musikalisch war vor allem mit den beiden Darstellern der Senta (laut Wagner „der Frau der Zukunft“) und des Holländers für fulminanten Erfolg gesorgt – und dem musikalisch modern schlanken Dirigenten, der hier kurz zuvor in der Tristan-Neuproduktion erfolgreich debütiert hatte (neu auf CD ORRFEO C 951 183). Die alle Gefühlslagen des Dramas stimmlich intensiv durchgestaltende Leonie Rysanek gab noch dazu eine gute Figur ab – laut eigenem Bekunden als „schlankste Senta der Welt“. Der stimmgewaltige und durch sein männlich-herbes Timbre zugleich so unnachahmlich vornehm-empathische George London bleibt auch auf dem Tondokument unübertroffen. In den anderen Rollen ebenso überzeugend besetzt, setzte sich das Werk mit dieser zweiten Neu-Bayreuther Produktion auch dort allgemein durch. Besonders hinweisen möchten wir darauf, dass es sich bei diesem Tondokument nicht um den Premierenabend, sondern einen zweiten Mitschnitt vom 5. August 1959 handelt.

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