ORFEO International – Neuheiten

Wichtige Neuerscheinungen kurz vorgestellt

Veröffentlichungszeitraum Januar 2018 – Juli 2018

Juli 2018

ORFEO 2 CD C 936 182 I

Richard Wagner: Der fliegende Holländer

Die schlankste Senta der Welt

Obwohl Wagner selbst gegenüber Ludwig II. den Holländer unmissverständlich zum Kanon seiner in Bayreuth aufzuführenden Werke zählte, wurde die „Romantische Oper in drei Aufzügen“ erst 1901, als letztes dieser zehn, dort erstmals gegeben. C 936 182 I
C 936 182 I
1959 war ein besonderes Jahr in Neu-Bayreuth: mit dem frühesten hatte Wieland Wagner erstmals alle zehn Werke in Eigenregie präsentiert, zugleich war es das erste „ringfreie“ Jahr seit der Wiedereröffnung 1951 – für hartgesotten altgläubige Wagnerianer ein Unding, da doch nur Ring und Parsifal genuin an den Grünen Hügel gehörten. Gewohnt heftig waren auch wieder einmal die Grundsatzdiskussionen über die Ausrichtung der Festspiele – worüber und vieles mehr im Beihefttext wieder kenntnisreich und spannend der Festspielsprecher Peter Emmerich unterrichtet. Doch Wieland überraschte und überzeugte wieder einmal durch eine von ihm als „magischer Realismus“ bezeichnete „Neuerfindung“ seiner Regiesprache. Musikalisch war vor allem mit den beiden Darstellern der Senta (laut Wagner „der Frau der Zukunft“) und des Holländers für fulminanten Erfolg gesorgt – und dem musikalisch modern schlanken Dirigenten, der hier kurz zuvor in der Tristan-Neuproduktion erfolgreich debütiert hatte (neu auf CD ORRFEO C 951 183). Die alle Gefühlslagen des Dramas stimmlich intensiv durchgestaltende Leonie Rysanek gab noch dazu eine gute Figur ab – laut eigenem Bekunden als „schlankste Senta der Welt“. Der stimmgewaltige und durch sein männlich-herbes Timbre zugleich so unnachahmlich vornehm-empathische George London bleibt auch auf dem Tondokument unübertroffen. In den anderen Rollen ebenso überzeugend besetzt, setzte sich das Werk mit dieser zweiten Neu-Bayreuther Produktion auch dort allgemein durch. Besonders hinweisen möchten wir darauf, dass es sich bei diesem Tondokument nicht um den Premierenabend, sondern einen zweiten Mitschnitt vom 5. August 1959 handelt.



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Juni 2018

ORFEO 2 CD C 931 182 I

Gaetano Donizetti: Lucia di Lammermoor

Gleich zwei Weltkarrieren slowakischer Sänger begannen am 23. März 1978 in der Wiener Staatsoper: die des damals 27 Jahre alten Tenors Peter Dvorský, vor allem aber diejenige der 31-Jährigen Edita Gruberova, die bis heute andauert. Trotz ihres Erfolgs am Haus als Zerbinetta anderthalb Jahre zuvor, galt sie zumindest für eine große Belcanto-Partie als Geheimtipp. C 931 182 I
C 931 182 I
Auch wenn aus späteren Jahren (1984, 1992 und 2003) Studio-Aufnahmen dieser späteren Paradepartie mit Gruberova existieren, die sie allein in Wien 88 mal gesungen hat, so hat dieser frühe Live-Mitschnitt doch Qualitäten, die die späteren Einspielungen nicht besitzen: Mädchenhafte Unbedingtheit und doch stupende Perfektion (bis hin zum makellosen hohen es), mit der die Gruberova singt und gestaltet, ihr schon damals klangvoll unverwechselbares – und bis heute erhaltenes – Timbre, aber auch die wunderbar innige und doch spannungsvolle Partnerschaft mit Dvorský, dessen leidenschaftlich brennender Tenor schon das erste Duett mit der Lucia der Gruberova einzigartig und seine heikle Schluss-Szene zum letzten Höhepunkt der an Meriten nicht armen Aufführung macht. Matteo Manuguerra gibt Enrico, Lucias Bruder, eine gefährlich unerbittliche maskuline Wucht. Nicht zuletzt durch die aufregende musikalische Leitung von Giuseppe Patanè ist dies eine Perle in der an Höhepunkten nicht armen Diskographie der Gruberova und eine schöne Ergänzung der leider nicht allzu üppigen von Peter Dvorský. Der auch in München für das italienische Repertoire hoch geschätzte neapolitanische Dirigent macht das Sängerfest zum spannenden Musikdrama, indem er die Wiener Philharmoniker höchst flexibel agogisch und dynamisch führt.



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Mai 2018

ORFEO 3 CD C 951 183 D

Wagner, Tristan und Isolde

Eine sängerische Qualität zum Niederknien

Es gibt wenige Künstlerpersönlichkeiten, die in einem bestimmten Bereich derart unangefochten für lange Zeit die schwierigsten Rollen dominiert haben wie die schwedische Sopranistin Birgit Nilsson die hochdramatischen Partien von Wagner und Strauss. Diese Wirkung ist auch mit den Jahren und Jahrzehnten nach ihrem Abschied von der Bühne (1984) und ihrem Tod (2005) nicht abgeklungen, sondern durch zahlreiche Maßstäbe setzende Schallplattenaufnahmen bekräftigt, ja, hier möchte man wirklich sagen: verewigt.

In ihren C 951 183 D
C 951 183 D
launigen Memoiren berichtet Nilsson, wie Wieland Wagner nach Ihrem ersten Vorsingen in Bayreuth zu Ihrer größten Überraschung in seinem Zimmer vor ihr niedergekniet sei und ihr jegliche erdenkliche Rolle angeboten habe – amüsanterweise mit dem Zusatz: „nur niemals Isolde oder Brünhilde“. Das kam bekanntlich anders. Bemerkenswert an dem hier erstmals offiziell veröffentlichten Tristan-Mitschnitt ist mehreres. Es handelt sich um ihr Bayreuther Rollen-Debüt in einer der beiden genannten Rollen, auf die ihre Meisterschaft hinauslief, und die sie derart überwältigend ausfüllte, dass sie bis 1970 die Isolde war. Ihre ersten Bayreuther Erfolge – so auch hier – fanden aber in Produktionen von Wolfgang Wagner statt, vor der legendären späteren Zusammenarbeit mit Wieland. Und in diesem Fall musikalisch unter dem jungen Wolfgang Sawallisch, den Nilsson hoch schätzte. Die Produktion wurde erstaunlicherweise erst im hier veröffentlichten zweiten Jahr zu einem ganz großen Erfolg. Außer den zukünftigen festen Größen Windgassen, Grace Hoffman, Greindl und Uhl als Partner trat nur in diesem Jahr und überzeugend der Schwede Erik Saedén als Kurwenal auf.

Anlässlich des 100. Geburtstags der einzigartigen Sängerin am 17. Mai2018 sei an Wieland Wagners Charakterisierung der drei großen Nachkriegs-Isolden erinnert: „Martha Mödl war die tragische, schicksalsbeladene Isolde, Astrid Varnay war die rachelüsterne Isolde, und Birgit Nilsson war die liebende Isolde.“



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Mai 2018

ORFEO 1 CD C 915 181 B

Bruckner, Sinfonie No. 7

Vor der großen Blütezeit der Bruckner-Interpretation seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts war Hans Knappertsbusch (1888–1966) zweifellos einer der bedeutendsten Bruckner-Interpreten, und Bruckner gehörte umgekehrt zu seinem Kernrepertoire. C 915 181 B
C 915 181 B
Es existieren von ihm von der 3. - 5. und 7. - 9. Symphonie jeweils mehrere Aufnahmen, von der Siebten zwei, ein Konzertmitschnitt von den Salzburger Festspielen mit den Wiener Philharmonikern von 1949 (Orfeo 655061) und dieser hier erstmals von den Originalbändern (und nicht “off-the air“) edierte mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester von 1963.
Die Siebte eignet sich für den Vergleich auch älterer Aufnahmen insofern besonders, als hier die sonst bei Bruckner unvermeidlichen Fassungs- und Editionsfragen wegfallen. Die Unterschiede der beiden Aufnahmen sind beträchtlich, was bei „Kna“ nicht sonderlich überrascht. Die hier veröffentlichte spätere ist breiter angelegt, arbeitet manches weniger individuell heraus, dafür kann man nicht nur mitverfolgen, wie durchgreifend Knappertsbusch den Verlauf gliedert, sondern gerade bei den Bruckner-typisch mit Blech besetzten fortissimo-Höhepunkten ist es verblüffend, wie energisch der Dirigent auch hier noch gestaltet, phrasiert, „musikalisiert“ – so hat man das nie mehr gehört.
Das Orchester beeindruckt durch hervorragende Solistenleistungen. – Es ist übrigens dasselbe, das ein Jahrzehnt später mit Günther Wand die Bruckner-Symphonien komplett aufnahm.



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April 2018

ORFEO 1 CD C 944 182 I

Franz Liszt, Années de pèlerinage

Kultiviert, technisch brillant und musikalisch feinsinnig: dies bringt auf den Punkt, was Francesco Piemontesi als Pianisten ausmacht.C 944 182 I
C 944 182 I
Geboren und aufgewachsen ist er in Locarno in der Schweiz, heute lebt er in Berlin und gilt als einer der herausragendsten Pianisten unserer Zeit. Kennzeichnend fur Francesco Piemontesi sis Spiel sind technische Perfektion, eine grose und reiche Farbpalette sowie die Kultivier theit des Ausdrucks. Neben dem Repertoire groser deutscher Komponisten fuhlt er sich auch bei Debussy, Ravel, Liszt und Dvořak gut aufgehoben.
Francesco Piemontesi studierte zunachst bei Arie Vardi, spater dann bei Alfred Brendel, Murray Perahia, Cecile Ousset und Alexis Weissenberg. Als Preistrager mehrerer renommierter Wettbewerbe erarbeitete er sich internationales Ansehen und wurde unter anderem in 2009 zum „BBC New Generation Artist“ gekurt.
Einladungen renommierter Orchester fuhren Francesco Piemontesi durch die ganze Welt. So spielt er u.a. mit dem Cleveland Orchestra, dem Deutschen Symphonie-Orchester, den Munchner Philharmonikern und dem Gewandhausorchester Leipzig, den Sinfonieorchestern des Hessischen und Bayerischen Rundfunks, dem London Philharmonic Orchestra, dem BBC Symphony Orchestra, den LA Philharmonics und dem Orchester des Maggio Musicale Fiorentino. Zu seinen Partnern am Dirigentenpult zahlen Marek Janowski, Sakari Oramo, Vasily Petrenko, Manfred Honeck, Robin Ticciati, Vladimir Ashkenazy und Charles Dutoit. Eine besonders enge musikalische Zusammenarbeit verbindet ihn mit den Dirigenten Sir Roger Norrington, David Afkham und Andrew Manze.
Neben seiner solistischen Tatigkeit widmet Francesco Piemontesi einen grosen Teil seiner Arbeit der Kammermusik. Mit besonderer Hingabe entwirft er ausgewogene Kammermusik- sowie Rezitalprogramme, mit denen er in den grosen Konzerthausern (Amsterdam Concertgebouw, Rot terdam De Doelen, Carnegie Hall und Avery Fisher Hall New York, Berliner Philharmonie, Tonhalle Zurich, Wiener Konzerthaus oder der Santory Hall Tokyo) und Festivals weltweit zu horen ist. Er musiziert u.a. mit Kollegen wie dem Emerson-Quartett, mit Antoine Tamestit und Jorg Widmann (in Trioformation), Renaud und Gautier Capucon, Clemens Hagen, Angelika Kirchschlager und Daniel Muller-Schott.
Zu Beginn des Jahres 2016 startete er einen Mozartzyklus in der Londoner Wigmore Hal l. Uber drei Spielzeiten hinweg wird er dort samtliche Mozart-Sonaten vortragen.
Die „Settimane Musicali di Ascona“ beriefen ihn im Jahr 2012 zum kunstlerischen Leiter des Festivals, das er seither alljahrlich mit seinem jugendl ichen Engagement und seiner Expertise betreut.

Francesco Piemontesi mit Année de Pèlerinage von Franz Liszt auf YouTube:



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März 2018

ORFEO 1 CD C 945 181 A

Widmann • Mendelssohn

Selten hat man eines der bekanntesten Werke von Mendelssohn, die geniale Hebriden-Ouvertüre, so wild, schroff und rauh, ja zerklüftet vernommen wie in dieser abschließenden Folge von Mendelssohn-Symphonien mit Jörg Widmann. Sicherlich ist dies eine ausgesprochen zeitgenössische Interpretation, C 945 181 A
C 945 181 A
man hört die heute ubiquitäre Hör-Erfahrung mit alten Instrumenten mit, auch wenn sie hier nicht zur Anwendung kommen. Noch mehr dürfte es aber den Komponisten am Dirigierpult – und Musik-Analysten von hohen Graden – gereizt haben, dieser von Abgespieltheit und Verharmlosung gefährdeten Musik alles falsch Selbstverständliche und Biedere interpretatorisch auszutreiben. Und dazu dürfte auch das schon in den anderen Folgen bewährte Prinzip der sehr bewußten Zusammenstellung und Kontrastierung der Mendelssohn-Werke mit eigenen des bekanntlich auch Klarinette spielenden Komponisten und Dirigenten anregend beigetragen und auch den Musiziergeist des Irish Chamber Orchestra spürbar begeistert haben. Eine eigentlich sonst dem Konzert vorbehaltene Dramaturgie erweist sich hier auf Tonträger als ausgesprochen glücklich: die wohlbekannten Werke des früheren 19. Jahrhunderts erklingen wie neu – fast fremd, was hier ein Kompliment für die Interpreten ist. Und die beiden frühen Werke Widmanns, selber historisch gewordener Teil seiner eigenen Entwicklung, entpuppen sich einmal mehr als sehr gut hörbar, ja mitreißend; das von frühen Disco-Erlebnissen des jungen Widmann inspirierte „180 beats“ nicht minder als die faszinierende, vom Komponisten selber gespielte „Fantasie“,  in der er raffiniert scheinbare Grenzen des einstimmigen Blasinstruments im Aufbau von Harmonien überwindet. Wie sehr man sich bei der „Verortung“ eine Stücks täuschen kann, wird im anregenden Beihefttext am Beispiel von Schumann vorgeführt, der in der „Schottischen“ die vermeintliche italienische Entstehungsumgebung herausgehört zu haben glaubte. – Wie dem auch sei, so stimulierend neu hat man Mendelssohns Musik wohl selten zu hören bekommen.



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Februar 2018

ORFEO 2 CD C 930 182 I

Gottfried von Einem: Der Besuch der alten Dame

Aus dem tiefsten 20. Jahrhundert stammt die hier vertonte „tragische Komödie“ eines Dichters, der befand, daß „eine Geschichte erst dann zu Ende gedacht ist, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat“, und für sein dramatisches Schaffen die Konsequenz zog, daß nur noch Komödien möglich seien. C 930 182 I
C 930 182 I
Die nette Einfachheit der Sprache, die unterhaltsame, scheinbare Harmlosigkeit der Handlung, wie sie sich in den comic-haften Namen einiger Protagonisten zu manifestieren scheint: Toby, Roby, Koby und Loby, kontrastiert auf’s Schärfste mit der beispiellosen Härte der hier erdachten und umgesetzten Konstellation – nämlich einem völlig unmäßigen, archaischen Rachefeldzug einer Frau. – Da paßt es, daß auch der heuer vor 100 Jahren geborene Komponist so wenig wie sein Librettist für eine sich selbst todernst nehmende, möglichst sperrige Avantgarde standen. Das Abgründige des gnadenlosen Geschehens wird hier vielmehr durch die klar fassliche, nicht ununterhaltsame Machart betont. – Die Uraufführung an der Wiener Staatsoper im Jahr 1971 geriet zu einem beispiellosen Erfolg, der laut Presseberichten den beliebter Repertoireopernpremieren der Vorjahre in den Schatten stellte, so daß die Produktion 39 Mal gezeigt wurde. Dazu trugen sicherlich die in der Otto Schenk-Inszenierung mitwirkenden Kräfte entscheidend bei: neben dem Wiener Staatsopernorchester unter Horst Stein ein erstklassiges Ensemble mit Hans Hotter als Lehrer, Eberhard Wächter als beklagenswertem Alfred Ill, vor allem der herausragenden Christa Ludwig als reichste Frau der Welt, Claire Zachanassian. Ist dieser Name laut Dürenmatt zusammengezogen aus Zacharoff, Onassis und Gulbenkian, kann man von der Jubilarin sagen, daß sie reich wie niemand sonst Qualitäten mehrerer Spitzensängerinnen in sich vereint. Die in diesem Jahr ihren 90. Geburtstag begehende Künstlerin steuert im Beihefttext Erinnerungen an die Produktion bei, die ein weiteres Beispiel der Größe ihrer künstlerischen Persönlichkeit abgibt.



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Januar 2018

ORFEO 2 CD C 918 182 I

Mozart, Così fan tutte

Beethoven war empört

Skandalös war das auch in seiner opera buffa-Gestalt gnadenlos desaströse Partnertausch-Experiment in „Cosi fan tutte“ für das ganze 19. Jahrhundert von Beethoven bis Wagner so sehr, daß man die dargestellte Frivolität fast verzweifelt unter allen möglichen entschärfenden Bearbeitungen zu verstecken versuchte. C 918 182 I
C 918 182 I
Erst Hermann Levi und Richard Strauss stellten für München die originale Gestalt mit auskomponierten Rezitativen statt gesprochenen Dialogen wieder her. Doch höchst erstaunlicherweise erklang dieses absolute Meisterwerk auch danach erst mit dieser Produktion in den 1970er Jahren in München erstmals in Originalsprache – wo doch bei einem Großmeister der musikalisch so subtilen wie reaktionsschnellen Wortausdeutung alles andere ein Sakrileg ist!
Jedenfalls zeigt das akustische Dokument ein fast überschießend intensives Musiktheaterereignis. Der damalige musikalische Chef erweist sich einem ersten Haus und seiner Geschichte gemäß einmal mehr nicht nur als souveräner Wagner- und Strauss-Dirigent, sondern wie schon beim zuletzt veröffentlichten Don Giovanni aus denselben Jahren (Orfeo C846153) als höchst kompetenter Mozart-Interpret. Die über seine Abgründe hinaus das Stück zu einer Krönung von Mozarts Opern-Schaffen erhebenden Ensemble-Qualitäten des Werkes werden dramatisch atemberaubend vital-vielfältig herausgearbeitet – und dies nicht zuletzt aufgrund der aufsummierten sensationellen Einzelqualitäten der Protagonisten. Diese wurden auch vom Maestro selbst so hoch eingeschätzt, daß damit die Verlegung aus dem sonst üblichen Cuvilliés-Theater – wo 1795 die erste Münchner Produktion stattgefunden hatte – in das Nationaltheater zu rechtfertigen war: „Mit Solisten, wie wir sie haben, kann man das große Haus füllen.“



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Januar 2018

ORFEO 1 CD C 929 181 A

von Einem, Philadelphia Symphony

Je länger die Moderne dauert, je älter die „Neue Musik“ wird, umso vielgestaltiger stellt sie sich dar. Bei näherem Hinhören zeigen sich schon früh sehr viele Nebenwege neben den scheinbaren Hauptströmungen, und einer, der solche eigenen Wege mit viel Beachtung gegangen ist, ist Gottfried von Einem. C 929 181 A
C 929 181 A
Seit seinem Durchbruch mit der Uraufführung seiner Oper Dantons Tod bei den Salzburger Festspielen 1947 wurden bis zu seinem Tod 1996 viele seiner Werke im internationalen Musikleben präsentiert, wovon auf diesem Label Aufnahmen mit Interpreten wie Böhm, Karajan oder George Szell zeugen. Für das Fortwirken eines Komponisten sind aber bekanntlich nicht nur möglichst glanzvolle Uraufführungen wichtig, und so freut sich Orfeo, neben anderen Neuaufnahmen in seinem Katalog zum 100. Geburtstag des 1918 geboren Komponisten eine Neuproduktion mit besten Kräften unserer Zeit zu präsentieren.
Das früheste Werk darunter ist das Chorwerk mit Orchester Stundenlied, das einer auch kulturgeschichtlich höchst interessanten Konstellation entstammt, nämlich einer Zusammenarbeit mit dem in Ostdeutschland residierenden Bertolt Brecht ab 1949. In volkstümlich-naivem Tonfall wird hier das Passionsgeschichte als grausames Geschehen bezeugt und reflektiert, und von von Einem kongenial mit der gebotenen Einfachheit und Strenge kompositorisch umgesetzt, eindringlich und mit Autorität interpretiert hier von Wiener Singverein und Philharmonikern unter Welser-Möst.

Von ganz anderer Faktur ist die – schon im Titel spannungsvolle – Geistliche Sonate für Sopran, Trompete und Orgel aus den Jahren 1962 bis 1973, in der der Komponist kontrapunktische Konzentration der Linienführung mit spannungsvoller Expressivität vereint. Ein Plädoyer für diese Musik könnte nicht wirkungsvoller sein als hier durch die ausdrucksvolle Sängerin, die „moderne“ baltische Konzertorganistin und den phänomenalen Trompeten-Weltstar.

Schließlich erklingt das nach seinem ursprünglich geplanten Uraufführungs- und Kompositionsauftragsort Philadelphia Symphonie genannte Werk, das nach einigen Mißklängen daselbst jedoch 1961 im Wiener Musikvereinssaal mit den dortigen Philharmonikern unter Solti uraufgeführt wurde – auf dem „Remake“ abermals ebenda zu hören unter dem amerika-erprobten Franz Welser-Möst. Das in den Dimensionen einer dreisätzigen Haydn-Symphonie konzipierte Stück weiß durch moderat modernen Einfallsreichtum für sich einzunehmen und legt den Gedanken nahe, daß inzwischen auch die Postmoderne eine längere Geschichte hat.

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